A.
Einleitung
1.
Stellen wir uns einmal vor, die Weihnachtsgeschichte ginge so: In jener Gegend hüteten die Hirten des Nachts ihre Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen. Er spielte auf seiner Geige ein wunderbares Musikstück. Die Hirten konnten seinem Spiel andächtig lauschen. Anschließend packte der Engel seine Geige ein und verschwand.
Stellen wir uns einmal vor, die Weihnachtsgeschichte ginge so: In jener Gegend hüteten die Hirten des Nachts ihre Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen. Er hatte seine Staffelei, Pinsel und Farben dabei. Er malte ein abstraktes Bild von beeindruckender Komposition und Farbgebung. Die Hirten konnten ihm zuschauen. Als der Engel sein Gemälde vollendet hatte, packte er Ausrüstung und Bild ein und verschwand.
Bei aller Wertschätzung von Musik und Kunst, die Weihnachtsgeschichte des Lukas macht uns deutlich: Es kommt auf die Klarheit der Botschaft an, die man nur mit Worten ausdrücken kann. Musik und Kunst können die Geschichte und ihre Botschaften nicht ersetzen.
Wie will man mit Musik und Malerei ausdrücken: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird! Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“?
Wie will man mit Musik und Malerei ausdrücken: „Weihnachten ist Freude für alle! Jeder ist gemeint! Jeder darf sich gemeint fühlen! Es gilt für dich! Gott will dich beschenken!“?
Musik und Malerei können die Botschaft nicht ersetzen. Was ist dann der Sinn von Musik und Malerei? Musik und Malerei können die Botschaft feiern.
2.
Dass es auf die Botschaft ankommt, merken wir auch, wenn wir Luk 2,1-21 auf das Thema Hören und Reden untersuchen:
8x geht es in Luk 2,8-21 um Hören und Reden
V10: Der Engel sprach zu ihnen.
V10: Siehe, ich verkündige euch große Freude.
V13: Die Engel lobten Gott und sprachen.
V15: Die Hirten sprachen untereinander.
V17: Die Hirten breiteten das Wort aus.
V18: Alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was die Hirten sagten.
V19: Maria bewahrte alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
V20: Die Hirten priesen und lobten Gott.
3.
Die Weihnachtsbotschaft ist so klar, so genau, so gewichtig, so adressatenbezogen wie nur Worte sein können. Deshalb geht es in der Bibel immer um das Hören auf Gott und immer auf das Vertrauen in das, was Gott sagt. Denn Glaube ist, sich etwas von Gott sagen zu lassen!
B.
Himmel an Erde. Wir an Gott.
I.
Wer ist Jesus?
1.
Ein Mensch wie Du und ich. Das ist die menschliche Seite an Weihnachten.
Was in den alten Büchern Israels prophezeit ist, wurde – nicht völlig unerwartet, aber dann doch überraschend – Wirklichkeit. Gott wurde Mensch. Er selbst. Höchstpersönlich. Ohne Abstriche. Ein Mensch wie Du und ich! Bedürftig! Begrenzt! Verletzlich! Gefährdet! Sterblich! Fast nichts Menschliches ist ihm fremd. Einer von uns! Ein wahrer Mensch!
2.
Kein Mensch wie Du und ich. Das ist die göttliche Seite an Weihnachten.
Gerade sagten wir: Ein Mensch wie Du und ich! Jetzt muss in Spannung dazu gesagt werden: Jesus ist kein Mensch wie Du und ich! Kein Mensch nach üblichem Menschenmaß! Der Jude Jesus ist etwas Einmaliges und Einzigartiges! Er gehört auf die Seite Gottes. Man kann nicht hoch genug von ihm reden. Er ist wahrer Gott.
Wir sehen das an den Titeln, die der Engel Jesus gibt: Retter, Christus, Herr. Alle drei Titel sind politische Titel, bei denen es um das Thema Macht geht. Kaiser Augustus in Rom ließ sich Retter (Salvator) und Herr (Imperator) nennen. Der dritte Titel Christus ist jüdisch und meint den angekündigten gesalbten, d.h. erwählten Messias.
Retter. Das ist jemand, der von Gott gesandt ist, um eine Gefahr abzuwenden oder eine Krise zu beenden. Das ist der Wohltäter und Heilsbringer, der der Welt Frieden und Sicherheit bringt und eine Gruppe, ein Volk, ein Land in eine gute Zukunft führt.
Herr. Herr ist das Wort für Gott im griechischen Alten Testament. Und es ist der Titel, der dem vergöttlichten Kaiser Augustus gegeben wurde. Herr meint den allein-mächtigen Herrscher, den Über-alles-Regierenden. Dieser Herr handelt zielgerichtet. Er besitzt so viel Macht, dass er allen anderen Mächten überlegen ist und diese für seine Ziele benutzen kann.
Messias oder Christus, das ist das Werkzeug Gottes, durch den Gott die lebensbedrohenden Mächte entmachtet. Messias, das ist der, der befreit, das ist der, der die Welt in den Zustand führt, den Gott will.
Themenanzeige:
Wer diese göttliche Seite an Jesus übersieht, wird dem Zeugnis der Bibel von Jesus nicht gerecht. Übrigens: Ein Jedermann-Jesus wäre schön und nett. Aber letztlich ist er langweilig. Und er könnte uns nicht helfen.
Wir merken, wie machtkritisch die Weihnachtsgeschichte ist. Der römische Kult um Augustus vergöttlicht diesen. Augustus beansprucht für sich eine Anrede und einen Titel, die im griechischen Alten Testament für Gott reserviert sind, die den Namen Jahwe aus 2 Mo 3,14 meinen.
II.
Wir stellen jetzt zweimal die Frage: Worum geht es an Weihnachten?
1.
Worum geht es an Weihnachten? Um alles.
(1) Es geht um Gott. Gott zeigt, wer er ist, wie er ist und wo er ist.
(2) Es geht um die Welt. Auch wenn es nicht so aussieht: An Weihnachten begann die Zukunft. Weihnachten war der Startschuss für das Reich Gottes (Mt 3,2; 4,17): Eine Welt in Frieden und Gerechtigkeit und Freude (Rö 14,14). Weihnachten bis Pfingsten ist die Wiege von Gottes neuer Erde und seines neuen Himmels (Offb 21,1).
(3) Und es geht um uns, um die Rettung unserer Gottesbeziehung, um die Rettung unseres ewigen Lebens; es geht um unsere Veränderung.
2.
Worum geht es an Weihnachten?
Es geht um das, was Menschsein ist, was mit Menschlichkeit gemeint ist: Gemeinschaft. Solidarität. Mitfreuen und Mitleiden. Fürsorge und Hilfe.
Es geht um Gottes Gemeinschaft mit uns, um Gottes Solidarität mit uns, um sein Mitfreuen und Mitleiden mit uns, und um seine Fürsorge und Hilfe für uns.
Weihnachten heißt: Wir bekommen die Gemeinschaft mit Gott geschenkt! Weihnachten ist Gewissheit: Gott ist bei uns. Er teilt unser Schicksal mit uns.
(1) Gott ist bei Dir und für Dich – Du übersehener und verachteter Mensch!
Weihnachten ist für alle Menschen, die von anderen übersehen oder gar verachtet werden, und die sich selbst verachten.
Gott hat eine große Schwäche für diese Menschen. Das verachtete und erniedrigte menschliche Angesicht, Gott hat es geliebt und liebt es in alle Ewigkeit. Jesus hatte arme Eltern. Jesus kannte Obdachlosigkeit. Jesus wurde absichtlich übersehen. Und am Ende seines Lebens hatte er als Gekreuzigter das Gesicht eines verachteten und erniedrigten Menschen.
Ich sage das als Zeugnis von mir: Ich bin manchmal jemand, der sich schämt, Thomas Pichel zu sein. Es ist beglückend und tröstlich, von Jesus Wertschätzung und Würdigung zu erfahren!
(2) Gott ist bei Dir und für Dich – Du Mensch voller Furcht! Du Mensch voller Sorgen!
Weihnachten ist für alle verunsicherten und sich fürchtenden Menschen! Weihnachten ist für alle sich sorgenden Menschen!
Jesus weiß, was Unsicherheit und Angst ist. Er war in Gethsemane unsicher und voller Furcht.
Und er hat die Macht, uns in unseren Ängsten zu helfen: Er kann uns Befreiung von quälenden Ängsten schenken oder uns mit Angstfähigkeit beschenken. Und er kann uns davor bewahren, dass wir aus Unsicherheit und Angst zu hassenden Menschen werden.
(3) Gott ist bei Dir und für Dich, Du schier verzweifelnder Mensch!
Weil Du nicht mehr weiterweißt – aufgrund eines Konflikts, aufgrund eines Unglücks, aufgrund einer Krankheit, aufgrund eines Schicksalsschlages, aufgrund der brennenden Welt mit ihren Tag für Tag in unser Leben hineinflutenden unerträglichen Nachrichten!
Jesus sagt zu Dir: Ich teile deine Not. Ich lasse dich nicht allein. Wir gehen gemeinsam durch das Dunkle.
Vergiss die göttliche Seite an Jesus nicht! Du wirst seine Macht und damit ein Wunder erleben. Entweder das Wunder, dass es doch eine Wende zum Guten gibt. Oder das Wunder, dass Du vor Verzweiflung bewahrt wirst und in seiner Kraft einen schweren Weg gehen kannst.
(4) Gott ist bei Dir und für Dich, Du schuldiger und unfreier Mensch!
Wer kennt das nicht? Beschädigte, gefährdete und unmöglich gewordene Beziehungen, wo alles verlorengegangen ist, was das Zusammenleben schön, leicht und gut macht: Verstehen, Wohlwollen, Wertschätzung, dankbare Freude über den anderen, Rücksichtnahme, Verzicht, Hilfsbereitschaft, Vergebungsbereitschaft…
Wer kann da noch leugnen, was die Bibel unter Sünde versteht? Sünde und Schuld ist alles, was uns trennt und fernhält – von Gott, voneinander und von uns selbst, weil Sünde Untaten gegenüber Gott, gegen unsere Mitmenschen, gegen uns selbst und gegen die Schöpfung sind.
Weihnachten heißt: Menschen, die um ihre Täterschaft in belasteten und kaputten Beziehungen wissen, die wie Geiseln ihrer Versäumnisse und bösen Taten leben müssen, solche Menschen bekommen Jesus geschenkt. Jesus ist gerade für schuldige Menschen eine befreiende Erfahrung!
Jesus ist die Überwindung der Angst vor Gott und Tod.
Jesus ist die personifizierte Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott.
Jesus ist die Gewissheit, von Gott angenommen zu sein, weil Gott uns gerne vergibt.
Jesus ist der Frieden im Gewissen.
Und Jesus ist die Ermächtigung und Möglichkeit, ein anderer Mensch zu werden…
(5) Und was ist mit Dir, Du glücklicher Mensch, dem es gut gehen darf?
Du erfährst an Weihnachten, wem du dein schönes und gutes Leben mit all den guten Möglichkeiten verdankst. Auch du bekommst, was alle geschenkt bekommen: die Gemeinschaft mit Gott.
Wir könnten jetzt gleich zu dem Thema übergehen: Wie antworten wir auf die Weihnachtsgeschichte mit ihren Botschaften? Aber bevor ich das tue, möchte ich uns kurz die Weihnachtskirche vorstellen.
III.
Die Weihnachtsgeschichte verrät uns zwei wichtige Dinge über die Kirche
1.
Die Kirche ohne Lobby und Macht. Sie wird ignoriert und verschrien.
Mit den Hirten von Bethlehem hat keiner gerechnet. Ausgerechnet diese verschrienen Typen, ausgerechnet diese unbedeutenden Schichtarbeiter im Niedriglohnsektor macht Gott zu Zeugen und Botschafter der Heiligen Nacht.
Es gab schon einmal einen Hirten aus Bethlehem, mit dem keiner rechnete. David galt als ungeeignet, weil zu jung und zu klein. Und doch wurde David von Gott als König auserwählt.
Und wir als Kirche? Wir Christen? Wir sind in Deutschland eine kleine Minderheit. Mit uns rechnen auch immer weniger. Wir verlieren immer mehr an Bedeutung. Wir werden übersehen und ignoriert. Wir stehen unter Beobachtung und sind verschrien. Aber bitte! Christen in manch anderem Land geht es viel schlechter.
2.
Die himmelreiche Kirche
Wir sind nicht allein mit uns. Wir haben nicht nur uns. Wir haben den Himmel im Kopf und im Herzen. Wir wissen um Gottes unsichtbare Welt, die uns näher ist, als ein Mensch uns nahe sein kann.
Wir wissen im Glauben um Jesus, um den Vater, um den Heiligen Geist. Wir wissen im Glauben: Gott handelt zielgerichtet. Auch wenn es nicht so aussieht. Das Reich Gottes ist im Kommen.
Wir wissen im Glauben: Jesus ist die Zukunft dieser Welt, die Zukunft der Erde, die Zukunft der Menschheit, die Zukunft der Tierwelt.
IV.
Die Antwort der Kirche auf die Weihnachtsgeschichte oder: Unser Hören und Reden und Tun
1.
Ehren wir Gott, indem wir ihm und an ihn glauben. Glauben heißt: Wir lassen uns etwas von Gott sagen und so von ihm beschenken.
Die Hirten ließen sich etwas sagen. Maria und Josef ließen sich etwas sagen von Gott. Sie waren offen für das, was Gott ihnen zeigen wollte. Deshalb konnte Gott sie beschenken.
Von Maria heißt es in Luk 2,19: Maria bewahrte all diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Darum geht es für uns: Die große Geschichte der Bibel, die einzelnen Geschichten der Bibel, ihre Texte und Worte bewahren und im Herzen bewegen, d.h. ernstnehmen und frohnehmen.
Themenanzeige: Ohne diese Geschichte, ohne diese Geschichten, ohne diese Texte sind wir verloren! Wir brauchen die jüdische und christliche Kultur des Hörens! Damit wir uns nicht verlieren in all dem, was wir täglich sehen – bei uns, bei anderen, in den Medien!
2.
Machen wir es wie die Hirten. Von ihnen heißt es: Sie breiteten das Wort aus, das zu ihnen gesagt war, so dass sich die anderen wunderten. Ehren wir Gott, indem wir das Evangelium (das Leben Jesus von Weihnachten bis Pfingsten) bzw. das Evangelium vom Reich Gottes (Mt 24,14) ausbreiten.
Gott segne unser Reden! Dass andere aufmerksam und überrascht werden! Dass sie ins Staunen kommen! Dass Gott sie findet. Dass sie zum Glauben kommen! Dass sie nicht mit sich allein bleiben! Dass sie nicht ohne Gott bleiben!
3.
Ehren wir Gott, indem wir wahre Menschen sind!
Sej a Mensch! Sei ein Mensch! Das sagte Marcel Reif am 24.1.2025 in der Gedenkstunde zum Holocaust-Tag im Bundestag. Reif zitierte seinen Vater, einen Holocaust-Überlebenden, der seinem Sohn diese Weisung für das Leben mitgab.
Sei ein Mensch! Sei kein Gott und kein Übermensch!
Sei ein Mensch! Sei kein Teufel und kein Unmensch!
Sei ein Mensch! Sei keine Tante Frieda (aus Ludwig Thomas Lausbubengeschichten), die im Fenster saß und Übel nahm, die sie sich über alles und jeden empört und aufregt, und der doch alle Menschen piep schnurzegal sind.
Sei ein Mensch! Das heißt sehr konkret und praktisch: Sei eine Hirtin, sei ein Hirte! Handle und rede, wie ein Hirte handelt und redet: Versorgend! Schützend! Pflegend!
Sei ein Mensch! Sei eine Hüterin und ein Hüter deiner Mitmenschen! Vermehre nicht die große Kälte der Welt, sondern wärme mit Gott deine Welt!
4.
Machen wir es wie die Engel und die Hirten! (Luk 2,14.20). Ehren wir Gott, indem wir ihn preisen und loben.
Für Weihnachten! Für Jesus! Für alles, was er uns mit Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten schenkt. Für alles, womit er uns ins Staunen und ins Bewundern bringt!
Ich staune z.B. darüber, dass Weihnachten in Gott etwas verändert hat, da ist etwas vollkommen neu geworden. Gottes Sohn hat seit Weihnachten eine menschliche Gestalt und trägt ein menschliches Angesicht. Das war vor Weihnachten nicht so! Aber jetzt ist es so in alle Ewigkeit. Wenn Jesus wiederkommen wird, dann wird er in göttlicher Macht und Herrlichkeit erscheinen, und dennoch ein Mensch sein. Und sein Leib wird die Wunden seiner Hinrichtung haben!
Feiern wir Gott! Mit oder ohne Musik! Mit oder ohne Malerei! Es gibt so viel zu feiern! Packen wir’s an!

