I.
Ich habe mir vorgenommen: Ich will mich hüten, dass ich nicht sündige mit meiner Zunge. (Ps 39,2)
1.
Das war der Losungstext am 8. August. Das hat mich früh am Morgen getroffen. Später hab ich dann mehr dazu gelesen und so entstand die Predigt.
2.
Es gibt die sog. „Bethlehemtexte“. Das sind kurze prägnante Impulse zu den täglichen Losungsbuchtexten. Der Name Bethlehemtexte geht auf den tschechischen Reformator und Märtyrer Jan Hus zurück, der vor über 500 Jahren in der Prager Bethlehems-Kapelle Predigten hielt, die auf große Resonanz stießen, weil Hus Bibeltexte aktuell, lebensnah und macht-kritisch auslegte.
Der Bethlehemtext vom 8. August stammt von Stefan Richter und beschreibt gut, worum es geht:
Heute auf der Anklagebank: Die Zunge.
Mitangeklagte: Die Stimme, der Tonfall, die Lippen, die Sprache und die Atmung.
Die Anklage lautet: Wüste Rede in mannigfachen Variationen. Fluchen, Hasskommentare, Mord- und andere -drohungen, üble Nachrede, Verleumdungen, verletzende Worte, Lügen, Falschaussagen… Die Liste ist lang.
Kläger sind Sitte und Anstand.
Nebenkläger ist der Frieden. „Das geht doch so nicht weiter“, befindet die Anklage. Und plädiert auf schuldig. Betreten blicken die Angeklagten zu Boden. Denn sie wissen um ihre Schwächen als loses Mundwerk.
„Aber dürfen wir etwas sagen?“, fragen sie. Das wollen Sitte und Anstand nicht verwehren. „Eigentlich muss man sich doch bei so viel Herzlosigkeit vor allem das Herz vorknöpfen und zur Rede stellen“, sagt die Zunge. „Ja“, fragt die Anklage, „aber wo ist es denn, das Herz?“ Tja, wo ist es denn? Da könnte man ja mal für sorgen, dass es sich heute noch zu Wort melden kann!“
3.
Zurück zu Ps 39,2. Der Vers 2 geht noch weiter: „Ich will meinem Mund einen Zaum anlegen, solange ich den Frevler vor mir sehen muss“.
Das schreibt David. Er verspürt den Drang, schlecht zu reden, als er den Frevler vor sich sieht. Was ist ein Frevler? Der Frevler ist nicht einfach der Gottlose. Er ist der Gottlose, der Verbrechen gegen Menschen und damit gegen Gott begeht, der ohne Rücksicht Gewaltworte und Gewalttaten verübt. Aus Ps 11,5 wissen wir, dass Gott Gewalttäter hasst.
David hat ein Problem, das wir kennen: Während es David nicht gut geht – er muss mit einer Krankheit kämpfen, geht es im Gegensatz zu David ausgerechnet dem Frevler gut. Er sieht den Wohlstand und das sorglose Leben des Frevlers.
David will sich nicht dazu verleiten lassen, seinen Frust freien Lauf zu lassen und womöglich falsche Dinge zu sagen.
Seine Selbstbeherrschung ist ein innerer Kampf. Wenn er aber seine Gefühle unterdrückt, wird sein inneres Leiden noch schlimmer.
Später schreibt er, dass sein Herz zu brennen beginnt, ein Feuer entzündet sich in seinem Inneren. Dann kann er sich nicht mehr zurückhalten und spricht laut. Er redet nicht zu denen, die er nicht versteht – er redet zum Herrn! Zum anderen redet er nicht über die Menschen, sondern von sich.
Er ist in der Gegenwart Gottes, das verändert.
Soweit die Situation von David.
4.
Was macht dieser Vers mit mir?
Nachdem ich den Vers gelesen habe, habe ich versucht, bewusst darauf zu achten, wie ich rede, was ich sage.
Speziell in der Arbeit. Wie rede ich mit Kollegen, über Kollegen, die nicht da sind. Wie rede ich über schwierige Situationen oder grundsätzlich über andere Menschen?
Das ist sehr interessant und herausfordernd. Als ich bewusst darauf geachtet habe, habe ich mir schon genauer überlegt, wie ich etwas sage, wie ich mich am besten ausdrücke. Oder auch, ob ich überhaupt etwas sage. Sobald aber das Achten darauf wieder nachlässt, ist die Zunge wieder schneller.
II.
Die Zunge als Thema bei Jakobus (Jak 3,2-5)
2 Denn wir verfehlen uns alle mannigfaltig. Wer sich aber im Wort nicht verfehlt, der ist ein vollkommener Mensch und kann auch den ganzen Leib im Zaum halten. 3 Wenn wir den Pferden den Zaum ins Maul legen, damit sie uns gehorchen, so lenken wir ihren ganzen Leib. 4 Siehe, auch die Schiffe, obwohl sie so groß sind und von starken Winden getrieben werden, werden sie doch gelenkt mit einem kleinen Ruder, wohin der will, der es führt. 5 So ist auch die Zunge ein kleines Glied und rechnet sich große Dinge zu. Siehe, ein kleines Feuer, welch einen Wald zündet’s an!
1.
Erst einmal tut es gut, dass Jakobus sich mit einbezieht, er spricht von uns. Er redet nicht belehrend von oben herab. Er sieht seine Verantwortung und auch seine eigene Gefährdung als Lehrer. Jakobus, als Leiter der Gemeinde in Jerusalem wird als eine Säule in der Gemeinde beschrieben (Gal 2,9)
2.
Gleich am Anfang bekommen wir eine Antwort darauf, warum es nicht funktioniert, nie ein falsches Wort zu sagen oder immer richtig zu handeln. Wer das schaffen würde, wäre ein vollkommener Mensch. Den hab ich noch nicht getroffen und es wird ihn auch nie geben.
Zaumzeug und Ruder sind sehr wichtig. Wenn sie nicht richtig kontrolliert werden, gerät das Pferd außer Kontrolle und das Schiff ist nicht mehr zu steuern.
Das Problem wird nicht gelöst, wenn man das Pferd im Stall hält, oder das Schiff festbindet. Genauso ist ein Schweigegelübde nicht die Antwort auf den Umgang mit der Zunge. Wir müssen ja reden und uns mitteilen.
Unsere Worte können positiv und negativ eine große Wirkung entfalten.
Negatives Reden kann viel verderben, auch Meckern, „Rummaulen“ und Murren gehören dazu.
Ich habe eine Verantwortung für das, was ich sage. Ich sollte überlegt reden, aufmunternd, natürlich die Wahrheit reden.
Das Bild vom Feuer im Wald ist eindrücklich. Gerade im Sommer, wenn es lange trocken und heiß ist, genügt z.B. eine kleine Glasscherbe und es kann ein großer Brand entstehen. Wie schnell kann durch ein falsches Wort ein Feuer im negativen Sinn entfacht werden.
3.
Oft ist es auch so, dass man gar nicht versteht, warum der andere nicht wie erwartet reagiert oder man nicht verstanden wird. Man redet und merkt erst hinterher, dass die Worte nicht so angekommen sind, wie sie gemeint waren. Ein Satz, ein Blick, ein Tonfall – plötzlich steht etwas zwischen zwei Menschen, das keiner beabsichtigt hat.
In der Kommunikationspsychologie nennt man das die „Blackbox“. Jeder Mensch ist demnach eine verschlossenen Kiste. Man sieht nur was reingeht: Worte, Gesten, Erlebnisse. Und man sieht, was rauskommt: Reaktionen, Antworten, Verhalten.
Was dazwischen passiert, bleibt verborgen: Gedanken, Erfahrungen, Verletzungen, Ängste. Alles das wirkt mit, wenn wir sprechen und hören.
Vielleicht entstehen dadurch auch viele Missverständnisse. Niemand kann in die Blackbox des anderen sehen. Jeder hört durch seine eigene Geschichte.
Man weiß einfach zu wenig über den anderen und was in ihm vorgeht. Hinter jedem Wort, das uns trifft, steckt eine Geschichte, hinter einer Reaktion vielleicht ein Schmerz und hinter einem Schweigen fast immer ein Grund.
4.
Weiter mit Jakobus 3, Vers 7. Es heißt dort: Denn jede Art von Tieren und Vögeln und Schlangen und Seetieren wird gezähmt und ist gezähmt vom Menschen, 8 aber die Zunge kann kein Mensch zähmen, das aufrührerische Übel, voll tödlichen Gifts.
Da wird noch einmal bestätigt, dass der Mensch viel schafft und viel kann, aber die Zunge kann kein Mensch zähmen. Es ist so drastisch ausgedrückt: die Zunge ist voll tödlichen Gifts. Da muss ich mir wirklich überlegen, ob ich rede oder schweige. Wobei das Schweigen auch nicht immer gut ist. Es gibt Situationen, in denen ich gefordert bin zu reden. Da ist mein Schweigen dann vielleicht feige. Das kennt, glaube ich jeder. Im Nachhinein denkt man sich: Da hätte ich etwas sagen sollen, doch es ging so schnell.
5.
V10: Aus einem Munde kommt Loben und Fluchen. Das soll nicht so sein, meine Brüder und Schwestern.
Wir haben Loblieder gesungen, nach dem Gottesdienst kann mein Reden schon wieder ganz anders klingen.
Es stellt sich die grundsätzliche Frage: Rede oder gebe ich mich im Gottesdienst anders als zu Hause oder auf der Arbeit oder unter Freunden?
Wenn sich das deutlich unterscheidet, werde ich unglaubwürdig.
Hinter den Worten stehen Menschen. Wenn man sich auf die Worte eines Menschen nicht verlassen kann, kann man sich auch nicht auf den Menschen verlassen.
Ich finde wir sind als Christen sehr unter Beobachtung. Darfst du das überhaupt? Macht man das als Christ? Das zeigt auch, welche Vorstellungen die Menschen vom Leben als Christ haben.
Jakobus macht uns deutlich, wie schwierig es ist. Wie ich mit Worten verletzen und auch heilen kann.
III.
Wer oder was kann nun helfen?
1.
Ich habe schon erwähnt, dass wir es selbst nie schaffen werden, unsere Zunge unter Kontrolle zu bringen.
Eine gewisse Hilfe ist der vielleicht bekannte Rat des Sokrates. Der griechische Philosoph Sokrates gibt den Ratschlag, die Worte, die man sagen möchte, durch drei Siebe laufen zu lassen.
Sieb 1: Ist das, was ich sagen möchte, wahr?
Sieb 2: Ist es gut?
Sieb 3: Und ist es überhaupt notwendig, dass ich es sage?
Das geht, wenn ich mich auf ein Gespräch vorbereiten kann. Das sind auch sehr gute Gedanken und eine gute Anregung darüber nachzudenken, bevor ich etwas sage.
Im Alltag, oder im Eifer des Gefechts ist es schwierig erst alles durch die drei Siebe laufen zu lassen.
2.
Was sagt Jesus? „Wovon das Herz erfüllt ist, das spricht der Mund aus.“ (Matth 12,34)
Er bringt uns auf die richtige Spur. Vom Herzen war heute schon mal die Rede.
Wie heißt es im „Bethlehemtext“?
Eigentlich muss man sich doch bei so viel Herzlosigkeit vor allem das Herz vorknöpfen und zur Rede stellen“, sagt die Zunge. „Ja“, fragt die Anklage, „aber wo ist es denn, das Herz?“ Tja, wo ist es denn?
Das Herz ist schon da, doch mit was ist es gefüllt? Jesus spricht weiter: „Wenn ein guter Mensch spricht, zeigt sich, was er Gutes in sich trägt. Doch ein Mensch mit einem bösen Herzen kann auch nur Böses von sich geben.
Es kommt also auf das Herz an. Wir sollen zeigen, was in uns steckt.
Gute Worte schenken Liebe, Zuversicht, machen Mut. Wir können Menschen segnen, wir können für Menschen beten. Dann kann ich jemanden ganz anders begegnen, wenn ich für ihn gebetet habe.
Wie gehe ich nun mit Wut und Enttäuschung um? Wenn mich etwas oder jemand ärgert, fällt es schwer, Gutes zu reden.
Das gilt für den Alltag, das gilt auch für die Gemeinde.
Dietrich Bonhoeffer schreibt: „So wird es eine entscheidende Regel jeden christlichen Gemeinschaftsleben sein, die den einzelnen das heimliche Wort gegenüber den Brüdern verbietet. Unerlaubt bleibt das heimliche Wort über den anderen auch dort, wo es unter dem Schleier der Hilfe und des Wohlwollens steht. Ich beginne ab sofort mit einer liebevollen Fürbitte, gerade für den, der mich verletzt hat. Eine ehrliche Gemeinschaft lebt von der Fürbitte, oder sie geht zugrunde. Fürbitte tun heißt nichts anderes, als den Bruder vor Gott zu bringen, ihn unter dem Kreuz zu segnen.“
Wenn Menschen uns kränken, enttäuschen, soll es nicht unsere „Waffe“ sein, zurückzuschlagen. Unser Werkzeug soll es sein, zu segnen, Gutes zu wünschen.
Wir sind alle auf Vergebung und Gnade angewiesen.
3.
Was macht David? Er redet mit Gott, er wendet sich ihm zu und packt bei ihm alles aus.
Das ist ein gutes Vorbild für uns. Gehen wir mit unseren Sorgen, mit unserer Wut, mit dem, was wir nicht verstehen zu Gott. Ihm können wir alles anvertrauen. Er kennt uns und versteht uns.
Gott möchte, dass wir zu ihm kommen. Jesus sagt: „Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Wir gehen ihm nicht auf die Nerven.
Dann ist alles bei der richtigen Adresse. Dann ist mein Herz erleichtert, dann kann es wieder mit Gutem gefüllt werden, denn das, was stört, ist raus.
Wir können unser Herz mit einer Black Box vergleichen. Black Box ist entweder ein ganzes geschlossenes System oder bei einem Flugzeug der Apparat, der alle Gespräche, alle Daten und alle Fahrmanöver der Piloten aufzeichnet. Jesus ist der einzige, der in unsere Black Box, in unser Herz sehen kann! Er weiß alle Herzensdinge. Er allein kennt uns wirklich und wahrhaft. Und Jesus ist sogar in der Lage, unsere Black Box zu verändern. Wir haben letzten Sonntag in der Predigt davon gehört.
Es kommt wie so oft auf die Beziehung zu Jesus an. Wir können ihn bitten, uns zu helfen.
4.
Wir brauchen die Weisheit von oben. Wir lesen auch bei Jakobus im 1. Kapitel, V.5:
„Wenn es aber jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der jedermann gern und ohne Vorwurf gibt; so wird sie ihm gegeben werden.“
Das ist doch klasse! Gott schenkt uns Weisheit. Ich kann ihn darum bitten.
Das mach ich oft auf dem Weg zur Arbeit. Bitte um Weisheit, Bitte um die richtigen Worte im Umgang mit den Bewohnern und Kollegen. Das stärkt mich für den Dienst.
Die Weisheit, von der hier die Rede ist, ist nicht die Lebensweisheit, die Volksweisheit. Diese Weisheit ist nicht abhängig von Erfahrung, vom Alter, von Sachverstand. Diese Weisheit ist „gelebte“ Weisheit.
Vers 17: „Die Weisheit aber von oben her ist zuerst lauter, dann friedfertig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei.“
Gottes Weisheit ist nicht nur Erkenntnis, ein Durchblick, sondern ein Miteinander.
Nicht Rechthaberei, kein Auftrumpfen, unbedingt seine Meinung durchsetzen, den anderen maßregeln.
Heute wurden die Mitglieder des neuen Gemeinschaftsrates gesegnet. Ich wünsche mir, dass auch dort untereinander weiterhin weise im Sinne von V.17 miteinander umgegangen wird und dass wir um die Weisheit von oben immer wieder bitten.
Das gilt nicht nur für den Gemeinschaftsrat.
Ich möchte ermutigen, für die Weisheit von oben zu bitten. Ich möchte lernen, achtsam mit meinen Nächsten umzugehen. Ich kann mich da nur von Gott beschenken lassen.
Ich muss mich nicht unter Druck setzen, dass das morgen alles anders wird.
Wie Jakobus sagt: Denn wir verfehlen uns alle mannigfaltig. Wer sich aber im Wort nicht verfehlt, der ist ein vollkommener Mensch.
Wir leben von der Vergebung von Gott und von der Vergebung untereinander.
Gebet: (gemeinsam)
Herr, hilf uns, unsere Waffen abzulegen:
die scharfen Worte, die bösen Blicke,
die verletzende Sprache, die giftigen Angriffe,
die lärmende Überheblichkeit, den beißenden Spott.
Herr, gib deinen Frieden hinein in unsere Sprache,
in unseren Blick, in unsere Hände und Füße,
in unseren Verstand, in unsere Phantasie, in unserer Herz. (Ruth Rau)

