A.
Einleitung
Meine Predigt hat das Hauptthema: Warum Maria ein Vorbild für uns ist.
In diesem Thema sind zwei andere enthalten: Einmal die Frage, wie Weihnachten begann. Zum anderen die Frage, worum es in der Advents- und Weihnachtszeit geht bzw. worum es im Christsein immer geht.
B.
Warum ist Maria ein Vorbild für jeden Christen?
I.
Grund 1: Maria sagt Ja zu ihrer Berufung, sie sagt Ja zu dem, was Gott mit ihr vorhat
Schauen wir uns an, wie Weihnachten begann. Siehe Luk 1,23-38
26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, 27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. 28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! 29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? 30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. 31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. 32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, 33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
1.
Der Engel sagt Maria: Du wirst schwanger werden. Vom Heiligen Geist. Du wirst einen sehr besonderen Sohn bekommen.
Maria hört als erste die Weihnachtsbotschaft. Der Himmel sagt ihr: Maria, Gott will in dir Mensch werden. Gott will durch dich ganz menschlich auf die Welt kommen.
Das ist Marias Berufung, die einmalig ist in der Menschheitsgeschichte!
2.
Maria reagiert vollkommen nachvollziehbar mit der vollkommen berechtigten Frage: Wie soll das zugehen? Maria, vielleicht eine 14-jährige Teenagerin, ist mit Josef verlobt. Rechtlich gelten sie damit in der damaligen Zeit als verheiratet. Maria und Josef haben noch nicht miteinander geschlafen. Sie hat Josef auch nicht mit einem anderen Mann betrogen. Wie soll sie da schwanger werden?
34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? 35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. 36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. 37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
3.
Daraufhin antwortet Maria: Mir geschehe, wie du gesagt hast.
Alles, was Maria tut, kann man mit dem Wortstamm „lassen“ beschreiben. Alles ist ein Zulassen, Einlassen, Überlassen und Geschehenlassen.
Maria lässt den Willen Gottes zu. Sie lässt sich auf den Plan Gottes ein. Sie lässt das Ungewöhnliche, ja Geheimnisvolle geschehen. Sie überlässt ihr Leben, ihr Glück, ihre Zukunft Gott. Sie weiß dabei nicht, ob es gut ausgeht. Sie weiß nicht, ob sie Joseph verliert.
Genau darin ist sie uns ein Vorbild! Maria ist für Frauen und Männer ein Vorbild. Ich sage das bewusst, weil Maria als die Verkörperung eines bestimmten Frauenbildes einer von Männern dominierte Kirche sehr willkommen war: Uneigensinnig. Gefügig. Gehorsam. Das mögen Patriarchen und Chauvis!
In der Bibel gibt es nicht immer und nicht immer sofort die Frage, ob wir uns zurücknehmen und relativieren können, ob wir Ja sagen wollen zu Plänen, die uns unverständlich sind, die uns einiges kosten. Es gibt auch Geschichten in der Bibel, wo gegen Umstände angehen und ringen dürfen und sollen.
Aber Maria mit ihrer Geschichte stellt alle Menschen die Frage, ob wir Führungen Gottes, die schwer sind, annehmen, ob wir unabänderliche Umstände, die uns nicht gefallen, annehmen, ob wir uns versöhnen mit Verhältnissen, wie sie nun einmal sind, ob wir Ja sagen zu unseren Grenzen, ob wir den Willen Gottes zulassen in unserem Leben, ob wir uns auf eine Idee Gottes einlassen, ob wir das Unverständliche geschehen lassen, ob wir unser Leben Gott überlassen.
Maria macht uns auf ein sehr wichtiges Momentum im Christsein aufmerksam. Worauf es ankommt, ist unsere Bereitschaft, Gott an uns handeln zu lassen. Maria ließ Gott an sich handeln.
Das Entscheidende im Glaubensleben sind nie zuerst unsere Aktivitäten, Planungen und Strategien. Natürlich ist es gut und wichtig, dass wir tun, was wir tun können, dass wir es so gut wie uns möglich tun. Aber das Entscheidende ist, dass Gott an uns handeln kann, dass wir uns Gott überlassen und uns ihm hingeben.
II.
Grund 2: Maria sagt Ja zu den Verheißungen Gottes, zum Reich Gottes, zur biblischen Utopie.
Ich lese uns den Lobgesang der Maria, das sog. Magnifikat, vor, das einer der bekanntesten und berühmtesten Texte der Bibel ist.
Maria bezeugt anbetend in Luk 1,47-55: 47 Meine Seele erhebt den Herrn. Mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes, denn 48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. 49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. 50 Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. 51 Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. 52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. 53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. 54 Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, 55 wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.
1.
Einen Vers, eine Aussage möchte ich herausgreifen. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Maria sagt das. Aber nichts davon ist politische Realität. In Rom sitzt Kaiser Augustus fest auf seinem Thron. In Jerusalem sitzt die politische Marionette des Augustus der kleine, aber doch mächtige und brutale Herodes auf dem Thron.
Was Maria da sagt und besingt, ist Zukunftsmusik. Und das ist der Clou, die Pointe, der Witz daran!
2.
Maria sagt Ja zu den Verheißungen Gottes, zum Reich Gottes, zur biblischen Utopie eines ganz anderen Zusammenlebens der Menschen.
Utopie. Topos – griechisch der Ort. U-topos – kein Ort bzw. einen Ort, den es nicht gibt, den es noch nicht gibt. Eine Vorstellung, die noch nicht physische, wirtschaftliche, politische Realität geworden ist.
Maria sagt aber nicht: Das gibt es nicht und das wird es nie geben! Maria hält an einer Utopie fest, die sich aus den Verheißungen Gottes im Alten Testament speist. Maria hält an der biblischen Utopie einer sozial-gerechten und friedvollen Welt fest.
Maria und die gesamte Bibel sagen uns: Dieses ganz andere Miteinander gibt es! Gott wird alle Gewaltherrscher vom Thron stoßen. Und er wird alle Niedrigen, alle Erniedrigten, alle Gedemütigten, alle Ausgenutzten, alle Opfer der Gewaltherrscher erhöhen. Es wird so kommen.
3.
Indem Maria an Gottes Vision für diese Welt festhält, sagt sie Nein zu den politischen Verhältnissen, wie sie sind. Sie sagt Nein zur Gewalt, Nein zur Lüge, Nein zu einem Leben auf Kosten anderer… Sie findet sich nicht damit ab!
Sie sagt Nein zur Abstumpfung, zum Sich-Abfinden! Nein zur Resignation und Zynismus! Sie findet sich nicht damit ab!
Ausgerechnet die Frau, die sich fügt und einordnet, die ihre Umstände annimmt, ausgerechnet diese Frau protestiert heftig und mutig. Sie lässt sich den singenden Mund nicht verbieten gegen die Gewaltherrscher, gegen das Unrecht, gegen den Machtmissbrauch, gegen die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse. Sie findet sich nicht damit ab.
4.
Übrigens: Maria hat kein alternatives Konzept gegen das römische Weltreich in der Schublade. Aber sie hat ein Kind im Bauch und sie hat ein Gottes Wort im Herzen und sie hat einen Engel im Traum und sie hat eine Verheißung im Ohr, nämlich die, dass es Gottes Wille ist, dass es auf der Erde sozial gerecht und friedvoll zugehen soll.
Genau darin ist Maria uns Vorbild! Wir haben keine Lösung für die vielen Probleme. Aber wir haben Gottes Geist in uns. Wir haben Jesus in unserer Nähe. Wir haben Gottes Worte in unseren Herzen. Und wir haben die die biblische Vision von der Zukunft der Erde in unseren Köpfen.
Wir beugen uns dem, was im Moment leider alles da ist. Wir klagen, was alles noch nicht da ist. Aber wir halten fest an dem, was kommt, was schon sein könnte und wir nutzen Spielräume, wo wir Dinge zum Besseren verändern können.
III.
Grund 3: Maria zeigt uns, worum es beim Thema Advent und Weihnachten geht, worum es immer im Christsein geht.
1.
Es geht im Christsein immer darum, Gott zu feiern!
Maria betet Gott an. Sie sagt: Mein Geist freut sich Gottes, meines Retters!
Maria bricht in Jubel und Freude aus, weil sie die Zukunft sieht, weil sie die Zukunft der Welt sieht, weil sie sieht, was Gott tut bzw. tun wird.
Maria bricht in Jubel und Freude aus, weil sie begreift: Ich bin ein Teil eines großes Projektes. Ich, die kleine Teenagerin, werde mit der Ehre betraut, ein ganz besonderes Kind zu bekommen und groß zu ziehen.
Christsein heißt, Gott zu feiern und Gott anzubeten! Christsein heißt, die Freude über Gott zu feiern. Christsein heißt, die Zukunft dieser Welt zu feiern.
Gott selbst wird gefeiert. Gott der Herr, der Retter, der Mächtige, der Heilige, der Gnädige, der Treue. Gott selbst ist der ultimative Grund zu feiern.
Christsein heißt, die Nähe Jesu als Trostkraft zu feiern.
Christsein heißt, die Verheißungen Gottes im Kopf und im Herzen zu behalten.
Christsein heißt, nie Gottes Liebe und Gottes Möglichkeiten zu vergessen.
Christsein heißt, umzukehren, wo wir es tun.
2.
Es geht im Christsein immer darum, sich Hilfe zu suchen und anderen zu helfen.
Was tat Maria nach dem Gespräch mit Gabriel? Was erlebte sie?
Maria suchte sich Hilfe. Sie ging zu ihrer Tante Elisabeth, die seit sechs Monaten schwanger war. Elisabeth konnte Maria helfen. Weil sie eine ähnliche Geschichte wie Maria hatte. Und weil sie über Maria etwas wusste.
Maria half aber auch Elisabeth. Maria half Elisabeth. Es heißt, Maria blieb ungefähr 3 Monate bei Elisabeth (Luk 1,56). Das heißt also, dass Maria ihrer Tante bei der Geburt ihres Babys half.
3.
Christsein ist die Erfahrung, dass Gott einem oft hilft.
Gott half Maria, indem er Joseph half.
Schauen wir zum Schluss der Predigt auf Joseph! Was musste er von der Schwangerschaft seiner Verlobten halten? Sexuell betrogen zu werden ist ein Vertrauensbruch, ist eine schwere Demütigung.
Gott hilft dem Joseph und damit Maria. Gott schaltet dem Joseph alle Grübelspiralen aus. Joseph hört die befreiende Botschaft: Josef, du bist doch gebürtig aus der Linie des Königs David. Deshalb hat Gottes Geist – und nicht irgendein Kerl – den seit Jahrhunderten erwarteten Retter in deine Familie hineingezeugt. Also! Hab‘ keine Angst vor der Zukunft mit Maria. Gott ist mit euch.
4.
Suchen wir uns Hilfe! Helfen wir! Und vertrauen wir darauf, dass Gott uns helfen wird! Amen!

