Themen, die sich durch die ganze Bibel ziehen III – Das Verhältnis Gottes zu uns Adams und Evas – Von Thomas Pichel

I.
Wir sind Adam und Eva

1 Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. 6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. 8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten. 9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 

1.
Zunächst eine Mini-Skizze des Vorgehens des Bösen

Es gibt das Böse. Warum und woher? Kein Wort dazu!

Das Böse zweifelt die wohlmeinende Absicht des göttlichen Verbots an: 1 Mo 2,16: Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm essen wirst, wirst du des Todes sterben.

Das Böse leugnet die Folgen: Ihr werdet keineswegs sterben!

Das Böse gibt die Anweisung Gottes falsch wieder. Es verfälscht Gottes Wort: Nicht essen von allen Bäumen!

Das Böse verspricht Unhaltbares: Ihr werdet sein wie Gott! Ihr werdet alles wissen, was Gott weiß. Ihr werdet alles können, was Gott kann. Ihr werdet alles dürfen, was Gott darf. 

2.
Zweitens eine Skizze dessen, was die Bibel unter Sünde versteht.

Sünde ist Misstrauen gegenüber Gott. Wir sind als Adam und Eva infiziert mit dem Gift des Misstrauens gegenüber Gott. Gott wird verdächtigt. Gott wird als Hindernis, als Kontrolleur, als Bedrohung für die eigene Freiheit und das eigene Glück gesehen.

Sünde ist Rebellion gegen Gottes Willen.

Sünde ist Missbrauch der Gaben Gottes.

Der Kern der Sünde ist, dass wir mehr als ein Geschöpf sein wollen. Alle Adams und Evas wollen wie Gott sein. Wir wollen die Rechte und Möglichkeiten Gottes. Deshalb sind wir Geschöpfe ohne ihn.

Wir wollen nicht abhängig von Gott sein. Wir wollen nicht Gott verantwortlich sein. Wir wollen selbst Regie über unser Leben führen. Alle Adams und Evas wollen nach eigenen Belieben entscheiden, was gut und böse ist, was für sie gut und richtig ist, was für andere gut und richtig ist.

Alle Adams und Evas wollen über das Leben der anderen entscheiden und verfügen. Sie dirigieren und bestimmen andere gerne. Sie kommandieren und dirigieren. Sie richten und verurteilen. Sie benutzen andere. Sie räumen andere aus dem Weg.

Wir wissen, wie Übermenschen und Herrenmenschen, die Gut und Böse autonom definieren, anderen die Hölle anrichten!

3.
Was ist das Ergebnis?

Statt allwissender Klugheit, moralischer Autonomie und göttlicher Genialität eine Entfremdung zu Gott, ein unüberbrückbarer Abstand zwischen Ich-Ideal und Ich-Realität, unglaubliche Schuld, Scham, Angst, Versteckspiele und Schuldzuweisungen…

Alle Adams und Evas ruinieren dadurch ihre Beziehungen: ihre Beziehung zu Gott, ihre Beziehung zueinander, ihre Beziehung zu sich selbst.

 

II.
Adam und Eva haben ihre Götter

1.
Manche Adams und Evas glauben an den nützlichen Gott

Den religiösen Adams und Evas ist der nützliche Gott  recht.

Man wird bestätigt. Man bekommt Recht. Man hat Erfolg. Man kann sich über andere erheben. Man kann durch Moral herrschen.

2.
Adam und Eva haben gerne den Gott der Gleichgültigkeit.

Soll ich meines Bruders Hüter sein? Soll ich meiner Schwesters Hilfe sein?

3.
Z.B. den Gott der Gewalt, den Gott des Gemetzels (nach einer Predigt von Michael Herbst)

Der Gott des Gemetzels  ist ein Theaterstück der französischen Schauspielerin und Schriftstellerin Yazmina Reza. Es wurde 2011 von Roman Polanski verfilmt.

1.
Zwei Jungen streiten und schlagen sich. Die beiden Elternpaare treffen sich abends, um sich in zivilisierter Weise zusammenzusetzen und den Streit ihrer beider Söhne zu schlichten. Doch die friedliche Atmosphäre täuscht, die Fassade der bürgerlichen Konventionen bröckelt zusehends, und nachdem der Gott des Gemetzels erst einmal entfesselt ist, entblößen die Vier ihre Adam- und Eva-Wesen.

2.
Man weiß sich ja gut benehmen. Man hat gute Absichten. Man ist gut erzogen, gutwillig, lösungsorientiert.

Es fängt harmlos an. Aber die Stimmung kippt. Der Gott des Gemetzels übernimmt die Regie. Er benutzt das Rechthabenwollen und verbale Gehässigkeiten wie das Lächerlichmachen von etwas, was dem anderen heilig ist. Der Streit eskaliert. Alle verletzen. Der Brave demütigt. Der Nette zeigt seine Wut. Der Zyniker wird immer zynischer. Der Gutmensch rastet aus. Den Erfolgreichen zieht es den Boden unter den Füßen weg. Bosheiten und Gehässigkeiten toben sich aus.

Was ist unter der Oberfläche da gewesen? Eine tiefsitzende Unzufriedenheit? Ein Neidgefühl? Eine Überforderung? Eine unterdrückte Wut? Was auch immer es sein mag, „es steckt mit dir unter einer Haut, und du weißt es, es will raus ans Licht“ (Peter Fox). „Ein Biest lebt in deinem Herzen. Du schließt es ein. Es bricht aus. Das gleiche Spiel jeden Tag. Vom Laufstall bis zum Grab“.

3.
Das Ergebnis? Zerbrochene Beziehungen zwischen den Ehepaaren. Aber auch zerbrochene Beziehungen zwischen den Eheleuten.

Was der Gott des Gemetzels und der Gott der Gleichgültigkeit können, erkennen wir immer an zerbrochenen Beziehungen: Beziehungen, die einmal gut, wertvoll, intensiv und freundschaftlich waren, geraten in einen Abwärtsstrudel.

Dabei ist keiner irgendwann morgens aufgewacht und hat sich vorgenommen: heute ruiniere ich mal eben eine gute Beziehung. Aber es passiert. Erst ganz langsam und dann unaufhaltsam. Erst nur böse Gedanken ab und an, dann immer öfter, dann böse Worte, dann bewerten wir unsere ganze Geschichte neu, war der nicht immer schon schwierig, wir feuern spitze Pfeile ab, wir ziehen uns kalt zurück, wir denken böse Gedanken und schmieden schlimme Pläne, wir wagen gezielte Schläge, wir möchten den anderen nur noch am Boden sehen. Und wir merken gar nicht, wie viel Bosheit sich da austobt, Bitterkeit, Härte, Unversöhnlichkeit, enttäuschte Zuneigung und Stolz. Wir sehen die Gründe dann nicht selten bei den anderen, aber nicht bei uns selbst. Der Gott des Gemetzels regiert.

4.
Wir stehen vor der Frage: Bin ich der, der ich sein möchte? Welches Potenzial an Bosheit schlummert in mir? Was würde ich wohl unter bestimmten Umständen anrichten? Was ist, wenn ich dem Gott des Gemetzels gedient habe und vor zerstörten Beziehungen stehe?

 

III.
Damit wir uns nicht verrennen

1.
Es geht vieles gut. Es gibt sehr vieles Gutes. Gottseidank!

Wir können dankbar sein, dass das nicht immer und überall so passiert. Obwohl unser Potenzial zur Bosheit beachtlich ist, geht vieles gut. Nicht jedes Gespräch zwischen Eltern läuft aus dem Ruder, sondern oft auch gut. Menschen benehmen sich an der Kasse, im Straßenverkehr, im Fußballstadion nicht immer daneben, sondern freundlich und friedlich. Nicht jeder schlägt aus geringstem Anlass verbal oder handgreiflich um sich. Gottseidank. Aber das Biest sitzt unter unserer Adams- und Eva-Haut. Es braucht oft nicht viel. Und der Gott des Gemetzels wartet immer auf seine Chance.

Da hockt also ein Biest in unserem Herzen. Und es braucht manchmal nur eine Kleinigkeit, dass dieses Biest hervorbricht. Ein bisschen Verlust der Kontrolle, ein bisschen zu viel Stress, Überforderung, Angst, Enttäuschung, es muss uns nur genug ins Herz treffen, dann bricht das Biest hervor, der Gott des Gemetzels regiert.

2.
Die Bibel redet von uns Menschen in einer unglaublichen Spannung. Wir sind böse. Aber können Gutes tun.

Jesus sagt in Mk 7,21-22: Aus dem Herzen der Menschen kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Lästerung, Hochmut, Unvernunft (Mk 7,21-22) Siehe auch 1 Mo 6,5: Dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar

Jesus sagt in Luk 11,31: Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt (Luk 11,13). Wie ist das zu verstehen?

Wir sind unter der Herrschaft der Sünde. Wir sind dem Bösen ausgesetzt und geben ihm immer wieder nach. Wir sind anfällig dafür. Wir sind Täter und Opfer der Sünde. Wir sind nicht frei von Schuld. Wir erleiden und verursachen Not. Wir leben im Zeichen des Todes von Beziehungen. Wir verbreiten durch unser Denken, Reden und Handeln Beziehungstode. Deshalb müssen wir um Vergebung bitten. Deshalb brauchen wir Erlösung.

Aber wir können dennoch als Adams und Evas Gutes tun, ein Segen für andere sein, Barmherzige Samariter und Samariterinnen sein.

Paulus sagt in 2 Kor 5,10: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse. Siehe auch 2 Kor 5,19: guter Wille! Siehe auch Luk 8,15: Jesus spricht von einem guten Herzen!

 

IV.
Wie reagiert Gott auf unser Adam- u Eva-Schicksal? – Wozu ruft uns die Bibel auf? Was sollen und dürfen wir glauben?

1.
Gott hat dafür gesorgt, dass unser Adam- und Eva-Wesen nicht ewig dauert. Wir sind sterblich.

2.
„Gott sorgt in seinem Erbarmen dafür, dass wir nicht dauernd ausrasten. Das Gesetz, gute Gebote, eine Portion Weisheit, die drohende Strafe, die Peinlichkeit, das alles bremst das Böse, es dämpft den Drang, es lässt Einsicht über Wut siegen, Verstand über Gefühl. Und Gott tut das, damit diese Welt jenseits von Eden nicht völlig aus dem Ruder läuft. Es ist Gnade, dass das einigermaßen funktioniert. Es ist Gnade, dass das Eis uns trägt. Aber es bleibt dabei: Das Eis ist dünn.“ (Michael Herbst)

3.
Gott klärt auf. Ach dass die Menschen doch die Bibel läsen! Ach dass wir, die wir sie lesen, Grundbegriffe ernster nähmen!

Ich erwähne nur zwei Bibelworte: Die Sünde ist der Leute Verderben (Spr 14,34).  Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht (Joh 8,34)

4.
Gott sucht uns heim. Das hebräische Wort paqad hilft uns zu verstehen, wie Gott auf uns Adams und Evas reagiert. Dieses Wort ist genial. Es vereint die unterschiedlichen Aktivitäten Gottes:

Gott vermisst uns. Er sehnt sich nach uns.

Gott sucht uns, weil er uns verloren hat, weil wir ihn verloren haben. Er sucht uns auf. Er schaut nach. Er versucht, uns heimzubringen.

Gott kümmert sich um uns. Er nimmt sich unser an.

Er zieht uns zur Verantwortung. Er ahndet unser Verhalten. Er straft uns durch gewisse Konsequenzen.

Bei all diesen Aktivitäten Gottes wird klar: Wir sind Gott nicht egal. Er greift ein, um uns zu helfen, um uns zu retten, um uns zu bewahren…

5.
Gott reagiert mit Gnade. Er reagiert entsprechend seinem Wesen: barmherzig und gnädig und langsam zum Zorn und mit großer Gnade und Treue (2 Mo 34,6)

„Die Botschaft vom gnädigen Gott ist keine Erfindung des Christentums oder Neuen Testaments. Sie durchzieht die Bibel von Anfang an und gehört zu den zentralen Grundüberzeugungen jüdischen Glaubens: Abraham wird aus reiner Gnade erwählt, das Volk Israel aus Gnade aus Ägypten errettet. Zur Vergebung der Schuld hat Gott den großen Versöhnungstag (Jom-ha-Kippurim) angeordnet, an dem ein Sündenbock die Schuld des Volkes trägt. Bis heute ist dieser Tag der wichtigste im jüdischen Kalender. Dass Gott gnädig ist, ist nicht der Kern des Evangeliums. Das wussten Juden schon immer. Weder Jesus noch Paulus hätten für diese Botschaft ihr Leben geben müssen. Das Evangelium, die gute neue Botschaft, viel mehr das Wort vom Kreuz: Dass dieser gnädige Gott, der sich schon immer in der Bibel zeigte, nun in Jesus selbst die Sünde der Welt trug. Kern des Evangeliums ist nicht, dass es Gnade gibt. Sondern, wo sie zu finden ist.“  (Guido Baltes, in: Eins, 1/2019, S.7)

 

V.
Der Weg der Heilung, der Erlösung (noch einmal nach bzw. von  Michael Herbst)

1.
Wir brauchen eine illusionslose Nüchternheit. Wir sind nicht die guten Menschen aus Kulmbach, die wir gerne wären. Da gibt es in uns etwas anderes. Es kann in bestimmten Situationen sein hässliches Gesicht zeigen.

2.
Wir brauchen das Eingeständnis und Geständnis gegenüber einem Seelsorger oder Freund, dass wir – entschuldigen Sie den Ausdruck – die Hosen herunterlassen. Wir müssen mit unseren dunklen Geheimnissen ans Licht kommen.

3.
Wir brauchen das Wunder der Erneuerung durch die Jesus-Erfahrung. “Jesus sagt: Du, ich halte das aus, auch Deine Bosheit. Ich trage das. Ich trage es fort. Ich trage Dich. Ich habe für alle die Bosheit, für all das Schwere und Schlimme, mein Leben hingegeben. Und damit den Preis bezahlt. Und die Macht des Bösen gebrochen. Und das Wunder ist: all das für Menschen, die anerkennen müssen: Ich trage dieses Böse auch in mir. Paulus setzt seinen Satz nämlich noch fort: „Ich unglückseliger Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Wird mich denn niemand aus diesem elenden Zustand befreien?“ Das kennen wir schon. Dann aber heißt es: „Doch! Und dafür danke ich Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ Denn Jesus: durchschaut mich und nimmt mich an. Er macht sich keine Illusionen über mich und nimmt mich an. Er verurteilt den Gott des Gemetzels und nimmt mich an. Und genau hier: hier beginnt die Heilung meines Lebens. Denn jetzt fängt Jesus ganz allmählich und behutsam an, an unserem Herzen zu arbeiten, und das, was so zerstörerisch ist, Stück um Stück zu ersetzen. Er fängt einen lebenslangen Weg der Heilung an. Stück für Stück verändert er, was aus der Balance geraten war”.