Themen, die sich durch die ganze Bibel ziehen II – Die dunkle Nacht unserer Seele – Hiob 23,1-17 – Von Thomas Pichel

Ich lese das Kapitel 23 des Hiob-Buches.

1 Hiob antwortete und sprach:

2 Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss. 3 Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! 4 So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen 5 und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde. 6 Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde achthaben auf mich. 7 Dort würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter! 8 Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. 9 Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht.

10 Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich befunden werden wie das Gold. 11 Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab 12 und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir. 13 Doch er hat’s beschlossen, wer will ihm wehren? Und er macht’s, wie er will. 14 Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn. 15 Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm. 16 Gott ist’s, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; 17 denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.

 

I.
Die Situation

1.
Unser Text beginnt mit „Hiob antwortete…“

Hiob wurde mit Hiobsbotschaften und extremen Erfahrungen konfrontiert: Alles, was er hatte, alles, was ihn zu einen wohlhabenden und angesehenen Mann gemacht hat, alles, was ein gutes Leben ausmacht, ist zusammengebrochen. Er hat alles verloren: sein Vieh, seine Knechte, seine Söhne und Töchter. Zuletzt wurde ihm auch noch die eigene Gesundheit genommen: Er bekam einen Ausschlag und Geschwüre. Er musste als Aussätziger sein Leben auf einer Müllkippe fristen (siehe Hiob 1,13 – 2,8).

2.
Hiobs Frau ist, gelinde gesagt, keine Hilfe. Sie rät ihm, den Glauben an Gott an den Nagel zu hängen und sich umzubringen.

3.
Drei Freunde waren gekommen. Zunächst haben sie betroffen und schockiert tagelang geschwiegen. Dann aber haben sie geredet, geredet und geredet.

Sie suchen den Grund für das Schicksal Hiobs. Sie bohren: Was ist die Ursache? Woran liegt es?

Hiobs Freunde vertreten den klassischen Tun-Ergehen-Zusammenhang. Ihre Theologie schaut so aus: Die Guten werden gesegnet und belohnt. Die Bösen werden bestraft.

Wenn Hiob so leiden muss, dann muss er irgendwie und irgendwo schuldig geworden sein, dann muss eine gravierende Schuld in seinem Leben da sein. Denn, so ihre fromme Überzeugung: Gott tut niemanden Unrecht.

Sie bestehen darauf: Nur wenn Hiob Buße tut, wenn er seine Schuld einsieht und zugibt, kann und wird Gott ihm helfen.

4.
Hiobs Verteidigungslinien sind folgende:

Hiob beharrt dagegen auf seiner Unschuld, auf seiner Rechtschaffenheit. Ich finde nichts. Bei mir ist keine Ursache für mein Unglück zu finden.

Hiob führt dabei gar nicht nur seine Tadellosigkeit ins Feld, sondern er appelliert an Gottes Verantwortung gegenüber dem Menschen, der ihm ja letztlich gar nicht vollkommen gerecht werden kann.

Hiob nimmt kein Blatt vor den Mund. Er klag und klagt. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen Gott. Du handelst ungerecht.

 

II.
Schauen wir uns Kapitel 23 an! Werfen wir einige Schlaglichter auf die Antwort des Hiob auf die Reden seiner 3 Freunde.

1.
Schlaglicht 1: Hiob 23,1: Seine Hand drückt schwer, so dass ich seufzen muss. Seufzen heißt: Der Lebensatem ist gefährdet. Er geht aus mir heraus. Mein Vertrauen zu Gott, meine Lebensfreude, meine Energie geht aus mir heraus…

Und Hiob weiß: Gott hat es beschlossen. Wer will ihm wehren? Wer kann es verhindern. Gott macht es, wie er will. Er wird vollenden, d.h. er wird zum Ziel bringen, was mir bestimmt ist.

Das macht Hiob große Not. Gott ist ihm fremd geworden. Er verbindet mit Gott Angst und Schrecken.

2.
Schlaglicht 2: Hiob 23,2: Er lehnt sich auf gegen die Art und Weise, wie Gott mit ihm umgeht. Sein Vorwurf lautet: Gott verursacht mein Leid (v2b, v16). Gott reagiert nicht angemessen auf meine Nöte.

3.
Schlaglicht 3: Hiob kommt mit Gott nicht mehr klar. Aber Hiob weiß: Gott sieht mich und Gott versteht mich. – Aber ich verstehe ihn nicht mehr.
Hiob kann Gott nicht mehr finden. Hiob sucht Gott in allen vier Himmelsrichtungen. Aber er findet ihn nicht. Gott versteckt sich vor ihm.

4.
Schlaglicht 4: Hiob sehnt sich nach der Begegnung mit Gott. Er sehnt sich danach, dass Gott mit ihm redet. Hiob würde gerne Gott direkt gegenüberstehen und von Angesicht zu Angesicht mit ihm reden.

Was glaubt Hiob? Würde Gott mich kleinmachen? Würde Gott mich fertigmachen? Nein. Er würde achthaben auf mich. Er wäre mein Anwalt.


III.
Das Hiobbuch ist eine große Hilfe beim Thema Leid und Anfechtung

Zwei Vorbemerkungen, damit keine Missverständnisse aufkommen.

(1) Eine Predigt über Trost tröstet nicht (automatisch).

(2) Diese Ausführungen verstehen sich nicht als ultimative Antwort auf die Fragen, die bei unserem Thema berührt sind: Warum lässt Gott das zu? Wie steuert Gott den Tun-Ergehen-Zusammenhang? Warum gibt es so große Unterschiede zwischen den Menschen?…

1.
Hiob erhebt schwere Vorwürfe gegenüber Gott. Für mich ist der Höhepunkt Hiob 9,24: Hiob bezeichnet Gott als Frevler, in dessen Hände die Erde gegeben ist.

„Hiobs Worte sind von einer ungeheuren Wucht und Massivität. Man muss sie als das ernst nehmen, was sie sind: Worte eines Menschen, dem Leid und Unheil widerfahren ist und der sich sowohl von seinen Freunden als auch von Gott im Stich gelassen fühlt.

Hier spricht ein Mensch, dem die gängigen Antworten auf seine Situation und seine Fragen nicht weiterhelfen. Seine drei Gesprächspartner meinen, Bescheid zu wissen und reden gerade deshalb an ihm vorbei. Und Gott, der etwas dazu sagen könnte und müsste, schweigt.“

Unser Text und das gesamte Hiob-Buch geben „denen einen Stimme“, „die nicht den Mut und die Kraft haben, so zu reden wie Hiob. Menschen, denen es die Sprache verschlagen hat, denen die Worte fehlen angesichts dessen, was mit ihnen geschieht. Menschen, die in ihrem Leid nicht gesehen und nicht gehört werden. Es gibt genug Gewalt, Krankheit, Naturkatastrophen, Ungerechtigkeit und genug Menschen, die darunter unschuldig leiden und sich fragen warum“ (Göttinger Predigtmeditationen, 79. Jahrgang, Heft, S.387)

Der biblische Gott ist der einzige Gott, der das seinen Leuten erlaubt. Menschen, denen es so geht, dürfen so reden. Sie dürfen fragen und klagen. Sie dürfen mit Gott hadern. Sie dürfen Gott ihren Unmut und ihre Vorwürfe sagen.

2.
Hiob sehnt sich immer stärker nach einer unmittelbaren Begegnung mit Gott. Er sehnt sich nach dem Reden Gottes. Er verspricht sich sehr viel davon, wenn Gott mit ihm reden würde. Hiob ist überzeugt, dass die Begegnung mit Gott für ihn Heil und Rettung bedeutet.

Am Ende des Hiobbuches löst Gott den Wunsch Hiobs ein. In den Kapiteln 38 und 40 gibt es zwei große Reden Gottes. Wir können jetzt nicht auf die Einzelheiten dieser Reden Gottes eingehen. Wir halten aber die zwei Kernbotschaften fest:

Kernbotschaft 1: Gott beantwortet die Frage nicht, warum Hiob dieses Unglück widerfahren ist. Die Frage nach dem Bösen, das uns widerfährt, bleibt offen. Die ganze Bibel gibt keine Antwort darauf. Das Rätsel wird nicht gelöst. Gott bleibt ihm in dieser Frage verborgen.

Kernbotschaft 2: Aber Gott sagt ihm: Das Böse, das Dunkle ist Teil der Schöpfung. Es wird unablässig von Gott bekämpft. Aber die Schöpfung als Ganzes ist kein Chaos. Und Gott ist nicht ihr Feind. Und Gott ist nicht der Feind des Hiobs. Im Gegenteil.

3.
Das Hiobbuch gibt Hiob recht. Er war unschuldig. Sein Unglück war keine Strafe.

Und das Hiobbuch gibt den Freunden unrecht. Ihre Reden werden als unzutreffend charakterisiert. Gott tadelt die Freunde Hiobs. Warum? Wegen ihrer frommen Welterklärungen! Weil sie Gott verteidigen und erklären wollten! Das mag Gott überhaupt nicht.

Am Ende des Hiobbuches werden die Freunde zu Hiob geschickt, damit der für sie bete (Hiob 42,8). Und Hiobs Gebet wird erhört. Es heißt in Hiob 42,9: Und der Herr erhörte Hiob.

„Das alles geschieht wohlgemerkt, noch bevor Hiob von neuem mit Wohlstand und Glück gesegnet wird (Hiob 42,10ff). Hiob, der Mensch im Leid, wird zum Fürbitter, dessen Worte bei Gott Gewicht haben und Gehör finden. Und als er für seine Freunde bittet, wendet sich auch sein eigenes Geschick (Hiob 42,10).

Das alles ist keine Antwort auf die Frage, warum Menschen und besonders die Unschuldigen und Gerechten leiden. Aber es zeigt, auf welcher Seite Gott steht. Die drei Freunde mit ihrer Theologie… sind gescheitert. Sie haben als Theologen und als Seelsorger versagt, weil sie Gott an der falschen Stelle gesucht und geglaubt haben“ (aa0, S.390)

IV.
Die dunkle Nacht der Seele (Johannes vom Kreuz)

Diesen Punkt verdanke ich Ulrike Bittner aus Liestal (Basel).

1.
Was ist mit der dunklen Nacht der Seele gemeint?

Ein Mensch kann durch äußeres Unglück, aber auch durch innere Dinge den Geschmack und die Freude am Leben und an Gott selbst verlieren.

Gott mutet einem Menschen so viel Dunkelheit zu, dass alle Lebenskräfte verschwinden, dass der Glaube seine Kraft verliert.

2.
Johannes vom Kreuz geht als Seelsorger sehr sorgfältig vor. Ich vereinfache das jetzt und übertrage es auf unser heutiges Leben.

(1)
Es ist auszuschließen, ob eine Sünde vorliegt, oder ob ein falscher Lebensstil vorliegt.

Wenn ein Mensch sein Leben mit einem zu hohen Tempo, mit viel zu vielen Aktivitäten, mit viel zu wenig Ruhepausen überfrachtet, wenn er sich selbst ständig überfordert, dann kann man etwas ändern, denn dann hat die Erfahrung, dass das eigene Leben dunkel und leer ist, einen Grund.

(2)
Es ist auszuschließen, ob eine depressive Erkrankung vorliegt, bei der man ärztliche und fachliche Hilfe benötigt. Das sagt er 1586. Es ist in Wahrheit komplexer. Schwermut kann sich mit einem geistlichen Weg verbinden.

(3)
Wenn man (1) und (2) weitgehend ausschließen kann, muss man fragen, ob Gott sein Kind in eine dunkle Nacht führt bzw. kommen lässt.

Johannes sagt, das macht Gott nicht mit allen Menschen. Aber es kann passieren. Manche Menschen werden so geführt.

Johannes sagt übrigens auch, dass Gott das nur mit Menschen tue, die er reich beschenkt habe, die äußerlich und innerlich sehr viele gute Erfahrungen machen durften. Darüber könnte man diskutieren. Ich weiß es nicht.

3.
Johannes verwendet einen Bildvergleich. Ich stelle ihn Euch vor. Ich meine, er sei hilfreich.

Eine Mutter stillt ihr neugeborenes Kind. Das Baby schmeckt die Wärme und Süße der Milch. Das ist die Erfahrung, die man am Anfang des Glaubenslebens machen kann: Ich werde gut versorgt. Ich bekomme, was ich brauche.

Wenn aber die Mutter will, dass ihr Kind selbständig wird, reibt sie ihre Brust mit dem bitteren Aloe-Saft ein und setzt das Kind auf den Boden. Das Kind spürt die Wärme und Süße nicht mehr.

Warum tut sie das? Damit das Kind lernt, der Mutter zu vertrauen und zu lieben, auch wenn es nicht süß und warm ist.

Das ist das Ziel Gottes! Dass unser Vertrauen zu ihm und unsere Liebe zu ihm stark wird, auch wenn es keinen äußeren Grund (Reichtum, Erfolg, Glück…) dafür gibt, auch wenn es keinen inneren Grund (Trost, Erfahrungen mit Gott…) dafür gibt.

Johannes beschreibt diese neue Perspektive so:

Du hast keine Sicherheit mehr. Aber eine Sehnsucht.
Du probierst alles, um den alten Zustand wieder herzustellen. Aber es funktioniert nicht.
Aber nach der Nacht, beim Anbruch des neuen Tages wird Gott neu mit dir sprechen.
Du wirst seine Stimme hören, wie du sie vor der Dunkelheit nicht hören konntest.
Das Reden wird sehr zart, sehr fein, sehr leise sein. Ihr werdet miteinander verbunden sein.