(M)eine Hommage an die Bibel I – 2 Tim 3,16 – Von Thomas Pichel

A.
Einleitung: (M)eine Hommage an die Bibel. Meine Dankbarkeit an Gott für die Bibel

1.
Was ist eine Hommage?

Eine Hommage ist ein öffentlicher Ehrenerweis. Man zollt einem Menschen Hochachtung, Respekt, Anerkennung, Wertschätzung und Bewunderung.

Und genau das will ich jetzt tun: Ich will der Bibel meine Hochachtung, Wertschätzung und meinen Respekt darbieten.

Und ich verbinde diese Hommage mit einem großen Dank an den lebendigen Gott für die Bibel. Denn die Bibel ist uns von Gott geschenkt und führt uns zu ihm.

2.
Wie schaut mein Verhältnis zur Bibel aus?

Natürlich: Bibellesen kann anstrengend und frustrierend sein. Natürlich habe ich Fragen. Natürlich verstehe ich nicht alles. Und das, was ich verstehe, kann herausfordernd sein.

Aber, aber, aber: Ich bin sehr dankbar für die Bibel. Ich liebe die Bibel.

Ich darf die Erfahrung machen, die die Kirche seit 2000 Jahren macht: Diese alten Texte und Geschichten passieren immer wieder neu! Diese alte Buchsammlung ist das Medium, mit dem Gott zu mir spricht. Die Bibel ist eine Büchersammlung, in der Gott sich zeigt und bekannt macht, in der Gott seine Motive und Ziele erläutert und in der ich erfahre, dass Gott Liebe ist.

Woran liegt das? Es liegt am Geheimnis der Bibel.

 

B.

I.
Teil 1: Das Geheimnis der Bibel heißt: Sie ist „theopneustos“ (2 Tim 3,14-16)

14 Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast 15 und dass du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die dich unterweisen können zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. 16 Denn alle Schrift, theopneustos, ist nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 17 dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt. 

1.
Dieses Wort theopneustos kommt nur hier in der ganzen Bibel vor. Es wird leider immer wieder mit „eingegeben“ übersetzt. Das trifft aber die Bedeutung nicht. Was ist gemeint?

Um das herauszubekommen, müssen wir zwei sprachliche Dinge festhalten:

Erstens: Im Hebräischen gibt es das Wort „ruach“. Dieses Wort heißt Atem und Geist; auch Wind und Energie.

Zweitens: Das griechische Wort theopneustos enthält das Wort theo. Das heißt Gott. Und es steckt in pneustos das Wort pneuma darin, was dem hebräischen ruach entspricht. Das Wort theopneustos ist – für uns im Deutschen sehr fremd –  gleichzeitig passiv und aktiv. Man muss, wenn man es übersetzt, also immer sagen: Von Gott gehaucht und Gott hauchend. Von Gott beatmet und Gott atmend. Vom Geist erfüllt und Geist gebend.

Und genau das ist das Geheimnis der Bibel. Die Theologie nennt dieses Geheimnis „Inspiration“: In alle Schrift, d.h. in jedes Buch der Bibel bläst Gott seinen Geist hinein, so dass aus jedem Buch der Bibel uns der Geist Gottes entgegenkommt.

2.
Wer die Bibel kennt, erinnert sich vielleicht an drei andere Texte, in denen Gott seinen Odem und bzw. seinen Geist auch in etwas Geschöpfliches, nämlich in den Menschen hineinbringt.

Es heißt in 1 Mo 2,7: Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Wir lesen in Hesekiel 37, in der Auferstehungsvision des Propheten Hesekiel /Ezechiel, dass Gott seinen Odem/seinen Geist in Menschen gibt: Ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet (in den Versen 5 u 6). Ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt (im Vers 14).

Und es heißt in Joh 20,22: „Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!“

3.
Die Logik heißt: Gott gibt seinen Geist in die biblischen Texte hinein, so dass diese Texte lebendig werden, so dass sie das bewirken, was der Heilige Geist mit ihnen bewirken will.

Die Schrift nützt und bewirkt etwas, sie erzielt eine Wirkung bei denen, die sich damit auseinandersetzen und sich von ihr beschenken lassen. Inspiration zeigt sich … in ihrer zeitlosen Wirkung!… Ich glaube… an ihre göttliche Wirksamkeit und inspirierende Kraft durch alle Generationen, Sprachen, Kulturen, Lebensphasen, sozialen Schichten, Altersgruppen oder Bildungsgrade hindurch! Welches andere Buch kann solch eine Wirkungsgeschichte vorweisen?” (Martin Benz, in: Wenn der Glaube keine Kraft hat, S.115f)

„So wie Gott bei Adam in die tote Materie seinen Geist eingeblasen hat und dadurch Leben entstand, so entsteht aus den toten Buchstaben der Bibel durch das Einblasen des Geistes etwas Lebendiges, das göttliche Leben und Weisheit an all diejenigen weitergibt, die sich dieser Heiligen Schrift aussetzen…“ Inspiration der Bibel bedeutet, „dass Gott“ den Buchstaben und Worten und Texten der Bibel Leben einhaucht, etwas von sich einhaucht „und sie dadurch Kraft haben, Wirkung erzielen und“ Veränderung bewirken. (Benz, aa0, S.117)

4.
Wie gehen wir mit diesem Geheimnis um?

(1)
Wir müssen nicht versuchen, es zu beweisen. Denn man kann es nicht beweisen. Aber man kann es erfahren.

Das ist übrigens der Unterschied zwischen einer subjektiven Gewissheit und einer normativen Wissbarkeit, die man jedem Menschen plausibel darlegen könnte. Es gilt: Gott beweist sich nicht. Er bezeugt sich.

(2)
Wir laden andere ein, sich auf die Bibel einzulassen und sie zu lesen.

Wenn jemand sich für den Glauben interessiert, lade ich ihn immer ein, anzufangen, die Bibel zu lesen. Ich gebe ihn dazu ein paar Tipps. Und biete mich als Begleiter ein, wenn jemand das möchte. Aber ich ermutige ihn immer zu lesen, zu lesen, zu lesen.

(3)
Und wir selbst? Wir erwählen die Bibel als Heilige Schrift für uns.

Wir, die wir mit Ernst und Freude Christen sein wollen, stehen immer neu vor der Entscheidung, ob wir die Bibel als Heilige Schrift anerkennen wollen.

Heilige Schrift wird sie in dem Maße, in dem sie das Dasein heiligt: wenn sie das Recht hat, das Leben zu erleuchten, zu stimmen, zu heilen, zu trösten, zu erschüttern, zu erlösen. (Martin Schleske, WerkZeuge, 20.8.)

 

II.
Teil 2: Die Bibel ist nütze zur Lehre

1.
Es geht bei Lehre um das Entdecken und Kennenlernen Gottes. Es geht bei Lehre um das Verständnis für das göttliche Handeln. Es geht um existentielle Fragen, die jeden Menschen unbedingt angehen.

Wer ist Gott? Was ist mit diesem Wort gemeint?

Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Wozu bin ich da?

Was kann ich glauben? Was muss ich nicht mehr glauben? Was kann ich hoffen? Wie werde ich liebesfähig?

Wie kann ich mit Gott in Kontakt kommen? Wie bekomme ich Anteil an Gott? Was schadet meiner Beziehung zu ihm?

2.
Eine Geschichte möchte ich jetzt ehren, durch die ich etwas sehr Tröstliches und Frohmachendes über Gott gelernt habe. Es ist die Geschichte von der Hochzeit zu Kana. Sie steht in Joh 2,1-11. Ich habe sie ausgewählt, weil ich über diesen Text vor 12 Jahren meine erste Predigt in Kulmbach gehalten habe, und weil ich sie liebe.

Ich lasse jetzt alle Details weg und beschränke mich auf einen Gedanken: Jesus ist mit seinen Leuten zu Gast auf einer Hochzeit. Es gibt ein Problem. Der Wein ist alle. Was für eine Blamage für ein Hochzeitspaar! Entweder waren sie zu geizig und haben deshalb nicht genügend Wein eingekauft. Oder sie waren zu arm und hatten deshalb nicht ausreichend Wein zur Verfügung. Wir wissen es nicht. Jesus hilft ihnen. Er rettet ihre Hochzeit und ihre Hochzeitsfreude. Er bewahrt sie vor der öffentlichen Blamage im Dorf.

Was ist die gute Nachricht? Jesus bzw. Gott ist mein Nothelfer, wenn es einen Mangel in meinem Leben gibt (Stichwort Armut), aber auch wenn es einen Makel gibt (Stichwort Wein). Jesus bzw. Gott ist der, der mir über meine Mängel und meine Makel Frieden geben kann. Jesus bzw. Gott ist mein „Freudenschenker“.

3.
Ich fasse zusammen: Die Inspiration der Bibel zeigt sich… in ihrer Wirkung. Seit 2000 Jahren lässt sie Menschen Gott entdecken und über Gott froh werden. (nach Martin Benz, aa0, S.115)

 

III.
Teil 3: Die Bibel ist nütze zur Überführung

1.
Das griechische Wort (elogmos) heißt Aufdeckung von Wahrheit und Schuld.

2.
Der Heilige Geist überführt mich durch die Bibel. Er zeigt mir mit Hilfe der Bibel die Wahrheit über mich selbst. Er zeigt mir mittels der Bibel meine Selbstgefährdungen, meine Abgründen, meine Schuld.

Es ist die Erfahrung der Kirche: Die Bibel liest mich. Ich erkenne die Wahrheit über mich. Hier ein paar Beispiele aus meinem Leben.

(1)
Ich bin Adam und Eva. Voller Misstrauen gegen Gott, weil ich ein falsches Bild von ihm habe. Ich bin Adam und Eva. Ich glaube nicht wirklich, dass Gott gut ist. Ich will wie Gott sein.

(2)
Ich bin Jakob. Wie Jakob seinen Vater belogen und ausgetrickst hat, lüge ich, gebe mich als jemand aus, der ich gar nicht bin.

(3)
Ich bin Elia, der bekennt: Ich bin nicht besser als die anderen.

Wir schauen kurz ins 1. Könige-Buch. Elia flieht vor der Königin Isebel, die ihn umbringen will, weil er 400 Priester ihres Gottes Baal umgebracht hat. Elia kommt an den Berg Horeb auf dem Sinai. Er fällt in eine tiefe Depression. Elia sagt in 1 Kö 19,4: Ich bin nicht besser als meine Väter.

Diese Selbstkritik hat mich einmal tief getroffen. Ich war in eine theologische Diskussion verwickelt. Mein heimlicher Vorwurf an die anderen war: Die lehnen mich ab, nur weil ich anders denke und ticke als sie. Die wollen immer nur Recht haben.

Dann las ich eine Predigt über Elia und erschrak im Gewissen über mich selbst: Ich bin nicht besser. Ich bin nicht anders. Ich lehne die ab, die mich ablehnen. Und ich will auch Recht haben.

(4)
Ich bin Petrus, der sich seiner Jesus-Beziehung schämt und Jesus verleugnet.

(5)
Ich bin der Priester aus dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter in Luk 10, der aus Angst um sich Not sieht, aber nichts tut.

(6)
Und ich sehe die Unterschiede zu Jesus und erkenne an ihm alles, was ich Gott, anderen Menschen schuldig bleibe.

3.
Aber das Geheimnis der ganzen Bibel ist, dass sie uns Menschen nicht nur zu Sündern macht, dass sie uns nicht nur die Augen öffnet für das, was wir Gott und Menschen schuldig bleiben, wo wir Gott und Menschen verletzten, sondern dass sie uns zu geliebten Sündern macht, dass sie uns als schuldige Menschen zu Jesus ruft, ja dass Jesus gerade Menschen mit ihrer Schuld will, um sie mit seiner Vergebung zu beschenken und zu heilen.

4.
Ich fasse zusammen:

Die Inspiration der Bibel zeigt sich… in ihrer Wirkung. Seit 2000 Jahren inspirieren und verändern ihre Texte das Leben der Menschen. Die Bibel überführt und befreit sie von Schuld… (nach Martin Benz, aa0, S.115)