(M)eine Hommage an die Bibel II – 2 Tim 3,16 – Von Thomas Pichel

A.
Einleitung: Die Bibel, welch ein Geschenk!

1.
Ich empfinde die Bibel als ein Geschenk Gottes für mein Leben.

Nichts Menschliches ist ihr fremd. Und doch finde ich in ihr nicht nur Menschliches und Allzu-Menschliches, sondern auch sehr viel Himmlisches. Ich kann in der Bibel mich entdecken und ich kann Gott entdecken. Und ich kann entdecken, was mir mit Gott alles geschenkt ist, was Gott uns für Geschenke macht.

2.
Denn die Bibel ist ein besonderes Buch. Sie hat inspirierte Texte und schafft inspirierte Leser.

Wir haben das in der Predigt vom 26.1. uns vor Augen geführt.

Alle Schrift ist inspiriert, griechisch: theo-pneustos (siehe 2 Tim 3,16). Wörtlich heißt das: Von Gott beatmet. Gemeint ist ungefähr folgendes, auch wenn es ein hinkender Vergleich ist: Gott gibt seinen Atem, seinen Geist in die Bücher der Bibel hinein, so dass wir es beim Leben der Bibel mit dem Heiligen Geist zu tun bekommen.

Man kann dieses Geheimnis der Bibel nicht beweisen. Aber man kann es erfahren. Es gibt durch den Geist Gottes inspirierte Texte und inspirierte Leserinnen und Leser.

Die Inspiration der Bibel zeigt sich in ihrer Wirkung. Seit 2000 Jahren inspirieren ihre Texte das Leben von Menschen. Die Bibel hat diese Segenswirkung, weil wir es durch die biblischen Geschichten, Texte und Worte mit der motivierenden und verändernden Kraft des Heiligen Geistes zu tun bekommen.

 

B.

I.
Teil 1: Die Bibel ist nütze zur Besserung (2 Tim 3,16)

1.
Bevor wir fragen, was mit Besserung gemeint ist, eine wichtige Vorbemerkung. Gottseidank! Wir denken nicht über dieses Thema nach, um von Gott akzeptiert zu werden, sondern weil wir von ihm akzeptiert sind.

2.
Jeder von uns kann einen kleinen Selbstcheck durchführen! Was könnte besser laufen in meinem Christsein? Was bräuchte eine Besserung?

Vielleicht mein Gebetsleben? Vielleicht mein missionarisches Engagement? Vielleicht mein Verhalten zum Heiligen Geist? Vielleicht meine Mitarbeit in der Gemeinde? Vielleicht mein Verhalten in Anfechtungen? Vielleicht meine Beziehungen zu anderen Menschen? Vielleicht mein Umgang mit meinen Ängsten und Wünschen? Vielleicht meine ewige Blindheit für mich? Vielleicht für meine ewige Unzufriedenheit mit mir?

3.
Was meint das griechische Wort epanorthosis, das die Lutherbibel und die Zürcher Übersetzung mit Besserung wiedergeben?

Das griechische Wort epanorthosis kommt nur hier im Neuen Testament vor. Es geht um die Umkehr von einem falschen Weg und um ein Weitergehen in die richtige Richtung.

2 Tim 3,16 sagt uns mit dem Stichwort „Besserung“, welche Absichten der Geist Gottes mit uns und für uns verfolgt: Dass wir umkehren, wo unser Leben eine falsche Richtung genommen hat. Dass wir uns als Christen in die richtige Richtung entwickeln. Dass unser Christsein sich positiv entwickelt und uns verändert. Dass unser Leben eine Transformation erfährt. Dass wir unterwegs sind zu dem, wie Gott sich uns wünscht.

2.
Wir erfahren Veränderung, weil die Bibel voller Veränderungskräfte ist.

Wer sich verändern will, braucht Weisheit. Durch die biblischen Weisheitsworte wird uns Weisheit geschenkt.

Wer sich verändern will, braucht Hoffnung, Perspektive und Ziele. Durch die biblischen Hoffnungsworte wird uns Hoffnung geschenkt.

Wer sich verändern will, braucht Motivation und Mut. Die biblischen Zusagen geben uns Gewissheit. Die biblischen Verheißungen sind Mutmacher und Motivation.

3.
Es gibt in der Bibel nicht nur verändernde Worte, sondern verändernde Besserungsgeschichten, die für uns sehr lehr- und hilfreich sind. Ich denke an die alttestamentlichen Veränderungsgeschichten von Jakob, Mose und David. Und ich denke im Neuen Testament an die Entwicklungsgeschichte des Petrus, die ich nun kurz skizzieren möchte.

(1) Als Jesus Simon sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas, griechisch Petros, heißen; das heißt übersetzt: Fels (Joh 1,42). Petrus empfängt ein Wort, hört das Evangelium, empfängt eine Berufung.

(2) Jesus fing an, seine Jünger zu lehren: Ich muss viel leiden… von den Führern… Ich werde getötet werden und nach drei Tagen auferstehen… Petrus nahm Jesus beiseite und fing an, ihn zu wehren. Jesus aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. (Mk 8,31-33)

Satan wird Petrus hier deshalb genannt, weil dieses Wort auch hindern bedeuten kann. Petrus will das Leiden Jesus verhindern. Jesu Wort konfrontiert Petrus mit der ganz anderen Sicht Gottes. Petrus muss lernen, dass er Gott gegenüber kein Besserwisser sein kann, dass eine gute Absicht falsch sein kann, dass das Kreuz Jesu unvermeidbar war.

(3) Jesus sprach vor seiner Verhaftung zu seinen Jüngern: Ihr werdet alle Ärgernis nehmen… Petrus aber sagte zu ihm: Und wenn alle Ärgernis nehmen, so doch ich nicht. Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Petrus aber redete noch weiter: Auch wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen. (Mk 14,27-31)

Petrus empfängt ein Wort, dass alle Selbstsicherheit angreift, dass alle Selbstgerechtigkeit gegenüber anderen, aber auch alle Selbsttäuschung zerstört. Petrus muss lernen, wozu er fähig, wozu er nicht fähig ist.

(4) Nachdem Petrus Jesus dreimal verleugnet hatte, gab es einen sehr intimen Augenblick zwischen Jesus und Petrus: Und der Herr wandte sich um und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Krahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. (Luk 22,61f)

Petrus erlebt sein totales moralisches Versagen. Er verleugnet seine Identität und seine Beziehung zu Jesus. Und doch denke ich, dass in dem Blick Jesu keine Verurteilung lag, sondern irgendetwas, was für ihn hilfreich war.

(5) Nach der Auferstehung stellt der auferstandene Jesus Petrus dreimal die Frage nach der Liebe. Hast du mich lieber, als mich diese haben? Liebst du mich? Hast du mich lieb? Und Jesus bestätigt die Berufung des Petrus: Weide meine Schafe! (Joh 21,15-18)

Petrus empfängt das Wort des Evangeliums: Er erfährt Jesu Treue, Jesu Vergebung, Jesu Festhalten an ihm, Jesu Wiedereinsetzen als Hirte. Was für ein Schlüsselerlebnis!

(6) In Apg 2 hält ausgerechnet der Verleugner Petrus die erste christliche Predigt. Es heißt in Apg 2,14: Da stand Petrus auf, um zu der versammelten Menge zu sprechen. Wörtlich heißt es: Da wurde Petrus auf die Beine gestellt… Petrus erfährt also die Kraft des Heiligen Geistes, der Menschen verändert.

(7) In Gal 2 lesen wir, dass Petrus aus Menschenfurcht das Evangelium verriet. Petrus hält sich in Antiochia auf, einer Stadt im heutigen Südosten der Türkei. Er isst regelmäßig und öffentlich mit Nichtjuden, die zum Glauben an Jesus gekommen sind. Als eine Delegation von jesus-gläubigen Juden aus Jerusalem in Antiochia ankommt, ändert Petrus sein Verhalten und distanziert sich von seiner bisherigen Tischgemeinschaft. Paulus, der davon erfährt, kritisiert Petrus in aller Öffentlichkeit hart für diese Inkonsequenz und Heuchelei.

Petrus erfährt wieder harte Worte der Kritik. Wir sehen, Petrus bleibt ein versuchlicher Mensch. Er bleibt ein Sünder. Und doch bleibt er im Dienst.

(8) Es spricht alles dafür und nichts dagegen, dass Petrus im Jahr 64 nach Christus während der Verfolgung der Christus unter Nero den Märtyrertod durch Kreuzigung erlitt.

Was für eine Geschichte! Was für ein menschlicher Mensch! Was für ein öffentliches Versagen!

Was für eine Treue und Barmherzigkeit Gottes! Was für eine Veränderungskraft des Geistes Gottes! Hier gilt: Was Hänschen nicht konnte, lernte Hans, konnte Hans!

Mich ermutigt diese Geschichte sehr! Sie hat verändernde Kraft für mein Christsein!

 

II.
Teil 2: Die Bibel ist nütze zur Erziehung in der Gerechtigkeit

1.
Bevor wir fragen, was mit Erziehung zur Gerechtigkeit gemeint ist, ein zweites Mal eine wichtige Vorbemerkung.

Gottseidank! Wir denken nicht über dieses Thema nach, um Gott recht zu sein oder recht zu werden, sondern weil wir ihm recht sind, weil er uns gerechtfertigt hat um Jesus willen.

2.
Wir können das griechischen Wort paideia, von dem unser Wort Pädagogik stammt, auch mit Erziehung oder Training übersetzen. In der Welt des Sports heißt unser Wort: In eine gute Form, gute Verfassung, in eine gute Kondition bringen.

Das heißt also: Gott will uns im Fach Gerechtigkeit erziehen. Er will uns bei diesem Thema trainieren. Er will uns für die Praxis der Gerechtigkeit in eine gute Kondition bringen. Dass wir in guter Verfassung und Form sind bei der Frage eines guten, richtigen und gerechten Verhaltens!

3.
Gott hat drei großer Erzieher! Erstens: Unser Leben. Unsere Erfahrungen. Zweitens: Andere Menschen. Drittens: Die Texte, Geschichten und Worte der Bibel.

Wir konzentrieren uns heute Morgen auf die Bibel. Wir stoßen beim Bibellesen immer wieder auf gute Anweisungen, die uns in dem Fragen nach Gerechtigkeit weiterhelfen:

Jes 56,1: Wahret das Recht und übt Gerechtigkeit

Luk 3,14: Soldaten fragen Johannes, den Täufer. Was sollen wir tun? Jesus antwortet: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!

Gal 5,6: Denn in Christus Jesus gilt… der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Jak 2,17: So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.

4.
Eine Predigt bzw. ein Punkt in einer Predigt wird dem Thema Gerechtigkeit nicht gerecht. Aber das ist auch nicht nötig. Ich möchte uns ein paar Impulse für unser Nachdenken, für unseren Alltag mitgeben.

(1)
Impuls 1 sind zusammengehörende sehr grundsätzliche Fragen.

Werde ich mit meinem Verhalten Gott gerecht?

Passt mein Verhalten zu Gottes Gnade und Liebe? Passt es zu dem, was ich von Gott weiß, was ich von Gott geschenkt bekommen habe?

Wie werde ich meinen Beziehungen gerecht?

Ist mein Glaube ein Lippenbekenntnis oder ein Verhalten, das den Glauben lebt?

(2)
Impuls 2 wechselt das große Wort Gerechtigkeit in Kleingeld. Die Frage nach der Gerechtigkeit ist etwas sehr Praktisches.

Gerechtigkeit in der Bibel meint sehr konkrete Haltungen und Handlungen: Gerechtigkeit ist Fairness, Anstand; Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit; Kompromissbereitschaft; Verlässlichkeit, Verbindlichkeit, Treue, das Einhalten von Versprechen…

(3)
Impuls 3: Wir haben als Christen eine Bringschuld! Wir sollen die Gerechtigkeit in unserer Zeit, in unserem Land fördern! Wir sollen den Zusammenhalt fördern! Auch die Offenheit! Die Toleranz! Das Neue Testament gibt dazu die Impulse.

Wir müssen Flagge zeigen! Für Menschenrechte! Für inneren und äußeren Frieden, für Solidarität und Nächstenliebe! Für das Recht auf Leben!

(4)
Impuls 4: Gerechtigkeit ist in der Bibel Barmherzigkeit. Das hebräische Hauptwort für Gerechtigkeit meint Barmherzigkeit. Das ist der Clou, die Mitte, der Kern der biblischen Ethik: Wir sind berufen, unseren Beziehungen gerecht zu werden, indem wir barmherzig handeln.

„Ich habe nicht das Recht, Gott zu bekennen, wenn ich den Schmerz und das Elend meiner Nächsten nicht ernst nehme. Ein Glaube, der die Augen vor dem menschlichen Leid verschließen möchte, ist nur eine Illusion oder Opium“ (Tomas Halik, Zeit, S.147)

Es gibt in der Christenheit 7 Hauptwerke der Barmherzigkeit. Sechs von den sieben gehen auf Jesus zurück, der in Mt 25,35ff sagt: „Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mir Kleider gegeben. Ich war krank, und ihr habt mich besucht. Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.“

Ich lese die 7 Werke der Barmherzigkeit jetzt langsam und laut vor und frage Euch, welcher Mensch Eure Barmherzigkeit braucht.

Hungrige speisen. Durstigen zu trinken geben. Fremde beherbergen. Nackte kleiden. Kranke pflegen. Gefangene besuchen. Tote bestatten. Das letzte Werk, die Bestattung der Toten, wurde von dem Kirchenvater Lactantius mit Bezug auf das Buch Tobit (Tob 1,17-20) hinzugefügt.

(5)
Impuls 5 nimmt Impuls 1 auf bzw. bezieht Gott in unser Fragen ein: Das Thema Erziehung zur Gerechtigkeit fängt mit Fragen an Gott an. Es geht darum, dass wir uns von Jesus leiten und navigieren lassen!

Herr, was bewegt dich? Was willst du mir zeigen? Was soll ich hören und verstehen? Woran willst du mir Anteil geben? Wie willst du durch mich auf meine Umgebung einwirken? Welche Aufgabe vertraust du mir an?

 

III.
Teil 3: Verheißung und Erfahrung

Wir kehren zum Anfang der Predigt zurück. Die Bibel ist ein Geschenk. Ich möchte meine Lebenserfahrung mit der Bibel mit zwei Zitaten veranschaulichen.

1.
Mich begleitet ein Wort von Hanna Hümmer, der Gründerin der Christusbruderschaft, das mir vor über 40 Jahren ein Mitglied der Bruderschaft gesagt hat:

„Sein Wort wird nicht von dir weichen, auch wenn du in Angst bist und ihn nicht fassen kannst!“ Gottseidank ist das so! Halleluja.

2.
Isabel Hartmann und Reiner Knieling  beraten Kirchengemeinden und Firmen. Im Medienmagazin Pro habe ich in dieser Woche ein paar Sätze gelesen, die meine Erfahrung mit der Bibel wunderbar wiedergeben. Die Worte, Texte und Geschichten der Bibel sind eine nie versiegende Kraftquelle.

„Wenn ich mit Gott als Kraftquelle verbunden bin, spüre ich, dass mich das nährt und stärkt, was ich hier tue. Als kirchliche Gruppen haben wir die spirituelle Dimension. Das heißt, dass wir Gott in alles einbeziehen können. Wenn das nicht geschieht, müssen wir uns nicht wundern, wenn Menschen ausbrennen oder das Interesse verlieren. Gott gibt uns Kraft für den Alltag und lässt mich auch manche Durststrecken durchhalten.“

Gottseidank ist das so! Halleluja!