Offb 22,16 – Jesus ist unser Messias, unsere Wurzel und unser Morgenstern – Von Thomas Pichel

A.
Einleitung: Der 1. Sonntag nach Epiphanias

Das Epiphaniasfest am 6. Januar ist das älteste Fest der Kirche. Es wurde im Osten des Römischen Reiches bereits um 300 gefeiert – und zwar als Fest der Geburt Jesu (Luk 2,1-21), der Taufe Jesu (Mt 3,13-17), der Erinnerung an das Weinwunder von Kana in Joh 2,1-11, und in Erinnerung an die Verklärung Jesu in Mt 17,1-13. Der Mittelpunkt war also Jesus, seine Erscheinung, seine Offenbarung, seine Bedeutung für uns.

In den orthodoxen Kirchen blieb der Schwerpunkt bis heute auf der Geburt und der Taufe Jesu. Deshalb feiern orthodoxe Christen bis heute Weihnachten am 6. Januar.

In Westeuropa verlagerte sich im Lauf der Zeit der Schwerpunkt auf die sog. Weisen aus dem Morgenland, die sehr bald zu den sog. Drei Königen wurden. Im 3 Jahrhundert schloss man aus der Zahl der Geschenke, Myrrhe, Gold und Weihrauch auf die Dreizahl der Reisenden. Im 6. Jahrhundert bekamen sie bei uns in Deutschland ihre heutigen Namen Caspar, Melchior und Balthasar. In anderen Ländern heißen sie anders. Zahlreiche Legenden erzählen aus dem angeblich mit Wundern gespickten Leben der drei Weisen.

Der Bibeltext in Mt 2,1-12 sagt nicht, dass es drei Männer waren. Er nennt sie auch nicht Könige, sondern magoi. Davon kommt unser heutiges Wort Magier. Diese Männer waren Astronomen, wohl auch Astrologen. Sie waren das, was wir heute Wissenschaftler nennen. Sie waren Staatsbeamte. Wir kommen später auf diese Männer noch einmal zurück.

Meine Predigt heute will uns die ursprüngliche Bedeutung des Epiphaniasfestes und der Epiphaniaszeit vor Augen malen. Deshalb ist sie ist eine Jesuspredigt. Jesus steht im Mittelpunkt. Es geht um seine Bedeutung für uns. Es geht um seine Verherrlichung. Es geht um unser Lob und unsere Anbetung Gottes. Ich beschränke mich dabei auf einen einzigen Bibelvers.

 

B.
Teil 1: Jesus sagt: Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern (Offb 22,16)

I.
Geschlecht und Wurzel

1.
Was heißt es, dass Jesus hier Geschlecht Davids genannt wird?

Jesus ist der Nachfahre, Nachkomme Davids und damit der Messias. Ich lese uns Jes 11,1: Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.

2.
In unserem Vers ist Jesus nun aber nicht nur ein Nachkomme Davids, sondern die Wurzel Davids. Was heißt das?

Die Wurzel ist natürlich auch im Vorderen Orient der Garant für das Überleben einer Pflanze, denn die Wurzel verleiht einer Pflanze Festigkeit und Beständigkeit. Und die Wurzel versorgt die Pflanze mit Wasser und den im Wasser gelösten Mineralstoffen.

Wir ahnen, was das Bild der Wurzel im Blick auf Israel meint. Jesus ist die Wurzel Israels. Alles, was Gott dem Königshaus David, ja ganz Israel an Segen, Gaben, Versprechen und Treue gegeben hat, liegt an Jesus Christus (siehe Rö 9,1). Ja, Jesus ist bis heute die Wurzel Israels, d.h. der Garant für das Überleben Israels. Er gibt Israel Festigkeit und Beständigkeit. Er ist der Versorger Israels.

3.
Wenn wir das vor Augen haben, sehen wir im Glauben die Bedeutung Jesu für die Kirche, für unser persönliches Leben als Christenmenschen! Jesus ist für uns der Spross, d.h. der Messias. Und er ist unsere Wurzel. Was heißt das konkret?

(1)
Als Christen glauben wir an Christus als unseren Messias, als unseren König, dessen Macht uns zugutekommt, der unser Befreier und Erlöser ist.

Wir glauben aber gleichzeitig mit ihm, durch ihn und mit seiner Hilfe. Keiner von uns muss an Gott an Christus ohne ihn glauben. Keiner von uns muss ohne Jesus Christus sein Christsein versuchen. Keiner muss ohne ihn Bibel lesen. Keiner muss ohne ihn beten. Keiner muss ohne ihn die eigenen Schwächen aushalten. Keiner muss ohne ihn schwierige Umstände bewältigen. Keiner muss ohne ihn die eigene Sünden verkraften…

(2)
Denn Jesus ist unsere Wurzel. Jesus ist unser Garant. Er gibt uns Beständigkeit. Stabilität. Halt. Festigkeit. Er schenkt uns immer wieder Neuanfänge.

Er ist unsere Versorgung. Er leitet das göttliche Versorgungsunternehmen, mit dem wir durch Taufe und Glauben verbunden sind.

Exkurs: Was ist unser Halt?

Ich sage nicht mehr, wie ich es lange tat, dass mein Glaube mein Halt ist. Dafür ist er zu großen Formschwankungen unterworfen. Dazu gibt es zu großes Hin und Her und Auf und Ab. Auch wenn im Alter die Ausschläge weniger stark ausfallen.

Ich sage es heute so: Gott ist mein Halt. Und im Glauben anerkenne und erkenne ich das.

 

II.
Jesus ist der „helle Morgenstern“

1.
Was ist damit gemeint?

In der Antike galten Sterne und besonders der Morgenstern als Zeichen der Macht eines Herrschers, der eine Zeit des Glücks und Friedens herbeiführen kann. Wir merken uns also: Stern heißt Macht und Wende zum Guten.

Wir wissen, was schon Gelehrte der Antike wussten: Der Morgenstern ist der Planet Venus, der aufgrund seiner Nähe zur Sonne sehr stark leuchtet.

Wir lassen jetzt alle astronomischen Details weg und konzentrieren uns auf den entscheidenden Vergleichspunkt: Der Planet Venus ist am Morgen früher zu sehen als die aufgehende Sonne. Aber jeder, der ihn hell leuchten sieht, weiß, dass die Nacht bald vorbei sein wird, dass der Tag anbricht.

Weihnachten hat die Dunkelheit der Welt nicht beendet. Aber wir sehen Jesus, unseren Morgenstern. Sein Leben, seine Liebe, sein Leiden, Sterben und Auferstehen sind die Gewähr dafür, dass es eines Tages hell wird, dass eines Tages alles anders sein wird. Die Finsternis der Welt hat nicht das letzte Wort. Das ist unser Trost und unsere Hoffnung!

2.
Unser Vers macht Hoffnung. „Hoffnung ist eine innere Vorwegnahme des Guten, das sich dem Augenblick verbirgt“ (Martin Schleske). Hoffnung ist in der Bibel das, was noch nicht da ist, aber gewiss kommen wird.

Einmal wird jede äußere und innere Finsternis vergangen sein. Einmal wird es keine Nacht mehr geben (Offb 21,25 u 22,5).

Gott gehört die Zukunft. Gott ist die Zukunft der Welt. Gott ist die Zukunft der Welt. Gott ist die Zukunft für jeden von uns.

Eines Tages wird es so weit sein. Dann gibt es keine Finsternis mehr! Dann gibt es keine bedrohlichen Mächte mehr!

Keine Kriegszeiten und keine Kriegsnöte! Keine Katastrophen und keine Schicksalsschläge.

Kein Gewalttaten! Keinen sexuellen Missbrauch! Keine Hass-Kommentare!

Keine Familienkonflikte! Keine Glaubensverfolgung! Kein Streit unter Gläubigen!

Einmal wird Weihnachten am Ziel sein! Dann wird das Reich Gottes in vollendeter Form da sein! Dann werden vollendete Gerechtigkeit, vollendete Freude und vollendeter Frieden auf dieser Welt herrschen. Die lange Nacht der Finsternis wird zu Ende gehen – und der Trost der aufgehenden Sonne wird die Schöpfung in heilendes Licht tauchen und die letzte Wirklichkeit der Welt wird eine lange vergessene, unfassbare Freude sein.


B.
Teil 2: Was geben wir Jesus? Welche Geschenke bringen wir ihm?

1.
Wir kehren noch einmal zurück zu den Weisen aus dem Morgenland in Mt 2. Sie brachten Jesus Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Gold, Weihrauch und Myrrhe waren schon in biblischen Zeiten sehr teuer. Deshalb waren die Geschenke der Weisen sehr praktische Geschenke. Sie ermöglichten Josef und Maria die Reise und den Aufenthalt in Ägypten.

2.
Gold, Weihrauch und Myrrhe waren schon in biblischen Zeiten Symbole.

(1)
Sie sind zunächst Symbole für Jesus Christus. Sie sind Hinweise für Jesus.

a.
Gold gehört zu den Worten, die automatisch Faszination ausstrahlen. Gold steht für Glanz und Schönheit. Einen Goldklumpen, der Jahrhunderte in der Erde liegt, muss man nur kurz abwischen, schon glänzt er. Das liegt an seiner Struktur. Gold reagiert nicht mit anderen Stoffen. Es rostet nicht. Es läuft nicht an. Und Gold steht für Reichtum und Macht. Das liegt an seiner relativen Seltenheit.

Gold gilt deshalb als Metall der Könige. Gold steht also für Jesus, den König!

b.
Weihrauch meint das getrocknete Harz der Weihrauchbäume. Arbeiter schaben an einzelnen Stelle die Rinde ab. Ein klebriger Saft tritt aus, der schnell trocknet. Aber erst die dritte Ernte des weißlichen bis hellbraunen Harzes ergibt den hochwertigen Weihrauch. Er war schon in der Antike sehr begehrt. Er wurde verwendet in der Medizin (entzündungshemmende Wirkung), in der Kosmetik und in Gottesdiensten, in Israel bei den Brandopfern, und bei Totensalbungen.

Deshalb steht Weihrauch für Jesus als Gottes Sohn, für die Begegnung mit Gott, und deshalb auch für Jesus, unseren Priester, für seine Gebete für uns.

c.
Myrrhe meint das getrocknete Harz des Myrrhenbaumes. Myrrhe konnte in der Antike doppelt so teuer wie der teure Weihrauch sein. Myrrhe wurde ebenfalls verwendet in der Medizin (Desinfektion. Blutstillung), in der Kosmetik und bei Totensalbungen. Myrrhe wurde in Israel als Salböl bei den Salbungen von Königen verwendet. Außerdem galt Myrrhe als Aphrodisiakum. Die ätherischen Öle der Myrrhe mit ihren süß-warmen, erdig-würzigen Duft werden heute noch in der Herstellung von Parfümen verwendet.

Wir merken uns: Myrrhe steht für Wertschätzung, für Liebe, für Leiden. Deshalb bezeichnet Myrrhe den leidenden Propheten Jesus. Deshalb steht Myrrhe für seine Liebe und sein Leiden.

(2)
Gold, Weihrauch und Myrrhe sind aber auch Symbole für das, was wir Jesus schenken können:

Gold steht für unser Vertrauen in seine Macht, in seine Königsmacht.

Weihrauch steht für unsere Hoffnung, wenn wir beten.

Myrrhe steht für unsere Liebe für ihn. Für unsere Liebe zu seinen Geschöpfen. Auch für unser Leiden für ihn.